§ 7. Inhaltsgefühle und Aktgefühle
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Wissensgefühlen nicht in dem Maße entgegengesetzt, wie inbetreff des
Denkinhaltes. Tritt nämlich bei ihnen Ungewißheit an Stelle der Gewiß-
heit, so wird aus dem eigentlichen Wertgefühl die emotionale Grund-
lage von Hoffnung oder Furcht¹; tritt die Annahme an die Stelle des
Voraussetzungsurteiles, so verwandelt sich das Ernstwertgefühl in ein
Phantasiewertgefühl. Aber den Charakter des Werterlebnisses behält,
was so resultiert, immer noch, indes der Annahme gegenüber von
Wissensgefühl kaum in irgend einem verständlichen Sinne mehr die
Rede sein könnte.
Was sich so in betreff eines herrschenden Anteils von Voraus-
setzungsakt, respektive Voraussetzungsinhalt herausstellt, findet nun auch
in der Tatsache seine Bekräftigung, daß eine analoge Anteilsverschieden-
heit wie an den psychologischen Voraussetzungen der Denkgefühle so
auch an jenen der Vorstellungsgefühle vermutet werden muß. Dies
ergibt sich, wenn man hier die ästhetischen Gefühle den sinnlichen
gegenüberstellt. Dabei kann die Frage, ob alle ästhetischen Gefühle
als Vorstellungsgefühle zu betrachten sind, unerwogen bleiben: ohne
Zweifel sind zum Beispiel die ästhetischen Gefühle an Raumgestalten,
Farben, Tönen und andere Vorstellungsgefühle [19]. Bei ihnen ist es
selbstverständlich, daß für ihren Ausfall die vorgestellten Gegenstände
und sonach die dem Erfassen dieser Gegenstände zugrunde liegenden
Inhalte³ wesentlich sind, indes die relative Gleichgültigkeit des Vor-
stellungsaktes hier daraus erhellt, daß Melodien oder Ornamente gün-
stigen Falles nicht nur gefallen, wenn man sie hört, respektive sieht,
sondern auch, wenn man sie in der Phantasie vergegenwärtigt. Ganz
anders verhalten sich die sinnlichen Gefühle zur Abänderung des Voraus-
setzungsaktes von der Ernst- in die Phantasievorstellung: sie gehen,
falls sie nicht ganz verschwinden, in so wenig deutliche Phantasie-
gefühle über, daß es meist recht schwer ist, selbst heftige sinnliche
Schmerzen in der Erinnerung auch nur mit einiger Anschaulichkeit
festzuhalten. Das hat dann zugleich noch darin seinen Grund, daß die
Gegenstände dieser Gefühle oft auch unter den für die Gefühle gün-
stigen Umständen, nämlich wenn die Voraussetzungsvorstellungen durch
die Beschaffenheit ihrer Akte als Ernstvorstellungen charakterisiert sind,
so wenig deutlich hervortreten und dadurch die relative Unwesentlich-
keit ihrer Inhalte verraten. So kommt es auch, daß man selbst bei
heftigen sinnlichen Schmerzen so leicht einen ihnen eigenen Gegenstand
vermißt, dort aber, wo man einen solchen doch herausfinden zu können
meint, ein Verständnis dafür, warum gerade er von solchen Schmerzen
begleitet ist, in besonders geringem Maße aufzubringen vermag. Anderer-
seits würde man bei lustvollen Körper- oder Temperaturempfindungen
vergebens eine Luststeigerung dadurch herbeizuführen versuchen, daß
1 Vgl. „Psych. eth. Unters. usw.", S. 56 ff., vgl. auch unten II, § 9.
2 Vgl. Über emotionale Präsentation". Sitzungsberichte d. Akad. d. Wiss.,
Wien 1917, Philos. hist. Kl., Bd. CLXXXIII, S. 87 f.
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3 Über Inhalt und Gegenstand vgl. „Über Möglichkeit und Wahrschein-
lichkeit" [Register].
