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II. Die Werterlebnisse.
Hauptsache einräumt und dieser Hauptsache auch die Hauptuntersuchung
zuwendet. Wollen wir inzwischen sowohl Ernst- als Phantasiegefühle in
Rücksicht ziehen, dann bietet uns die Möglichkeit, Urteilen und Annehmen
in dem Ausdrucke „Denken" zusammenzufassen¹, ein Mittel, die Wert-
gefühle als Denkgefühle zu charakterisieren. [15]
§ 7. Inhaltsgefühle und Aktgefühle.
Inzwischen ist durch diese Bestimmung die erforderliche Deter-
mination der sich als Werterlebnisse darstellenden Gefühle noch immer
nicht erreicht. Sind nämlich auch alle Wertgefühle Denkgefühle, so
keineswegs umgekehrt auch alle Denkgefühle Wertgefühle. Auf das
Bedürfnis, in der Differentiation noch weiter zu gehen, fand ich mich
seinerzeit durch die Tatsache hingewiesen, daß manche Urteilsgefühle
eine auffallende Gleichgültigkeit gegen den Wechsel in der Qualität
der ihnen zu Grunde liegenden Urteile aufweisen, indes andere auf
einen solchen Wechsel, wenn man so sagen darf, auch mit einem Wechsel
in der Gefühlsqualität reagieren. Nur Gefühle dieser zweiten Art sind
Wertgefühle, denen ich die Gefühle erster Art als Wissensgefühle ent-
gegengestellt habe. [16] Ein tieferer Einblick in das Wesen des hier vor-
liegenden Gegensatzes ist indes erst zu gewinnen, wenn man, in der
Hauptsache dem Vorgange St. Witaseks folgend, neben den Urteilen
auch die Annahmen in Betracht zieht, andererseits merkwürdige Analogien
mit berücksichtigt, die nicht mehr dem Gebiete des Denkens, sondern
dem des Vorstellens angehören. Es stellt sich dabei heraus, daß der
in Rede stehende Gegensatz auf den Anteil zurückgeht, der in jedem
der beiden Fälle einerseits dem Urteilsakte, andererseits dem Urteils-
inhalte an dem resultierenden Gefühle zukommt.
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Unterscheiden sich nämlich vor allem Urteil und Annahme von
einander durch die Eigenart des dort und hier vorliegenden Denkaktes,
indes eventuell nicht nur der zugrunde liegende Vorstellungs-, sondern
auch der Denkin halt ganz wohl übereinstimmen können¹, so verrät
sich in der eben erwähnten Empfindlichkeit der Wertgefühle für den
Wechsel von Ja und Nein an dem Urteile, auf das sie gegründet sind, [¹7}
ein wesentlicher Anteil des Urteilsinhaltes, [18] indes die mindestens
relative Unempfindlichkeit dafür bei den Wissensgefühlen auf den Mangel
an einem solchen Anteil schließen läßt. Damit kontrastiert bei den
Wissensgefühlen deutlich deren Empfindlichkeit gegen Veränderungen
im Denkakte, indem, falls hier das Urteil der bloßen Annahme platz-
macht, das Gefühl ganz oder nahezu ganz erlischt, übrigens auch dann
schon eine wesentliche Modifikation erleidet, wenn Ungewißheit an Stelle
der Gewißheit getreten ist. Die Wertgefühle zeigen sich, was ihre
Empfindlichkeit gegen Veränderungen des Denkaktes anlangt, den
"
1 Vgl. St. Witasek, „Grundlinien der Psychologie", Leipzig 1908.
2 Vgl. „Psych. eth. Unters. usw.“.
3 Vgl. "Grundzüge der allgemeinen Ästhetik“, S. 195 ff., auch „Grundlinien
der Psychologie", S. 322 ff.
Vgl. „Über Annahmen" 2, § 59.
