§ 6. Denk- und insbesondere Urteilsgefühle.
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anderen er zu ersetzen ist, darüber dürfte durch eine Reihe paradig-
matischer Beispiele unschwer Aufschluß zu erlangen sein.
Ich beginne mit dem bereits verwendeten Beispiel vom Ofen,
auf den man um der Wärme willen Wert legt, die er verbreitet. Hier
ist ja die kausale Natur der Verbindung zwischen dem warmen Ofen
und der angenehmen Temperaturempfindung völlig durchsichtig. Aber
wie wir wissen, ist das sinnliche Gefühl noch nicht das Wertgefühl,
und man könnte nur etwa denken, das Wertgefühl möchte wieder die
Wirkung des sinnlichen Gefühles ausmachen und so zuletzt mit dem
Ofen zwar mittelbar, aber doch kausal verbunden sein. Solche Mittel-
barkeit widerspricht indes durchaus der Unmittelbarkeit, mit der das Wert-
gefühl gerade an den Ofen als an seinen Gegenstand herantritt. Unter
dem Kausalgesichtspunkte wäre es vielleicht zu verstehen, wenn das
sinnliche Gefühl oder die lustbetonte Empfindung die Stellung des Wert-
objektes einnähme. Warum sich aber das Wertgefühl gleichsam eine
entferntere Ursache heraussucht, und warum gerade diese aus der
Gesamtheit derselben¹, davon kann hier in keiner Weise Rechenschaft
gegeben werden. [12]
Die Sachlage kann nun leicht so abgeändert sein, daß auch der
Schein einer Vermittlung durch das sinnliche Gefühl mit diesem Gefühle
selbst entfällt. Ist das Wertobjekt etwa ein Brief von der Hand eines
verstorbenen Freundes, so mag diesem Schriftstücke leicht genug alles
sinnlich Angenehme oder Wohlgefällige fehlen. Wie ist hier auch nur
die Kausalverknüpfung mit dem Wertgefühle zu verstehen? Etwa so,
daß das Schriftstück Gelegenheit, respektive Anlaß bietet, an den Ver-
storbenen zu denken? Dann wäre das Wertobjekt einfachst durch einen
Zettel zu ersetzen, auf dem etwa das Wertsubjekt selbst den Namen
des Verstorbenen verzeichnet hätte.
Das von mir einmal2 schon ausführlicher, aber vielleicht nicht
einwandfrei behandelte Beispiel vom Werte, den der ausübende Künstler
auf den Beifall des zuhörenden, respektive zusehenden Publikums legt,
steht mit dem Beispiel von der Reliquie insofern auf gleicher Linie,
als auch da das sinnliche Gefühl fehlt, das man etwa für den Ver-
mittler zwischen dem Wertobjekte und dem Wertgefühle zu halten ver-
suchen könnte. Außerdem ist aber das Wertobjekt, der Beifall, dem
Bereiche des Sinnlichen schon von Natur entzogen, und das ermöglicht
eine Ausgestaltung, in der eine Kausalverbindung mit dem Wert-
gefühle erweislich nicht besteht. Dies findet statt, wenn der Beifall
unecht ist, vom Ausübenden aber für echt genommen wird. In solchem
Falle liegt das Wertgefühl vor wie beim echten Beifall; die Kausal-
verbindung zwischen Wertobjekt und Wertgefühl aber kann deshalb
nicht vorliegen, weil das Wertobjekt „Beifall" genau genommen gar
nicht existiert, also auch keine Ursache abgeben kann. Eine Lockerung
der Kausalverbindung stellt auch der Gegenfall dar, wo der Beifall
1 Vgl. die analoge Betrachtungsweise in „Über die Erfahrungsgrundlagen
unseres Wissens", § 25.
2 In den „Psych. eth. Unters. z. Werttheorie", S. 18.
