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II. Die Werterlebnisse.
welchem Gebiete diese Gegensätzlichkeit zu suchen sein möchte,
nicht wohl aufkommen: wenn die Dispositionen, Tendenzen und so
weiter nicht schon selbst auf Werte respektive Unwerte gerichtet sind,
so müssen sie entweder Lust- oder Unlustgefühle, immerhin even-
tuell auch entweder Begehrungen (im engeren positiven Sinne) oder
Widerstrebungen betreffen. Es gibt Dispositionen und Tendenzen in
Menge, denen zuzugehören keinen Wert oder doch keinen positiven,
sondern einen negativen Wert ausmacht. Es erhellt daraus, daß nicht
schon die Zugehörigkeit zur Disposition den Wert konstituiert, für diesen
vielmehr auch die emotionale Natur des Dispositionskorrelates wesent-
lich ist. Dann erscheint aber doch wieder der Wert durch Bezugnahme
auf Erlebnisse bestimmt, und auch darin besteht Übereinstimmung mit
den Ergebnissen unserer bisherigen Untersuchungen, daß diese Wert-
erlebnisse unvermeidlich emotionaler Natur, also Gefühle oder Begeh-
rungen sein müssen.
Den Aufstellungen Th. Haerings ist damit keineswegs so diametral
entgegengetreten, als auf den ersten Blick scheinen könnte; ist es doch,
wie wir sahen, bloß das „Innewerden" des Wertes, was er als „Wer-
tung" bezeichnet.¹ Im Gegensatze hiezu wird hinsichtlich dessen, was
wir unter dem Namen des Werterlebnisses zu bestimmen begonnen
haben, dem Werte, wenigstens soweit er persönlicher Wert ist², viel-
leicht eine wesentlich konstitutivere Funktion zukommen, die unser
Autor gelegentlich selbst ins Auge zu fassen scheint. Die Möglichkeit
rein intellektuellen Innewerdens" jedoch könnte leicht auch derjenige
zugestehen, der hinsichtlich der konstitutiven Erlebnisse vom Erfordernis
emotionaler Natur nicht absehen zu können meint.
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Ob freilich unserem Autor der beabsichtigte Nachweis für die
ausschließlich intellektuelle Natur manchen Wertinnewerdens", also
für den „intellektuellen Typus" desselben auch wirklich geglückt ist?
Seiner Berufung auf die Aussagen der Versuchspersonen ist ja doch
jedenfalls entgegenzuhalten, daß diese Aussagen selbstverständlich nicht
die Erlebnisse der Versuchspersonen, sondern nur deren Meinung über
ihre Erlebnisse darbieten. Diese Meinungen möchten aber einer prin-
zipiellen Modifikation bedürfen, wenn ich mit meinen Aufstellungen
über Phantasie-Emotionen, die auch den weiteren Ausführungen gegen-
wärtiger Schrift zugrunde zu legen sein werden, im Rechte bin und
auf die Bedacht zu nehmen unser Autor unterlassen hat. Hat man
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1 Zweifelhaft ist mir, ob das ausnahmslos so gemeint ist, vgl. z. B. „Bei-
träge usw.", S. 9, „das unmittelbare Innewerden.... des.... Wertes und
andererseits das .... relativ unabhängige Erlebnis eines solchen Wertes selbst",
eine Gegenüberstellung, die ich mit der Identifikation nicht wohl in Einklang
bringen kann.
2 Indes beim unpersönlichen Wert auch wir auf das Erfassen durch das
Werterlebnis zurückzukommen haben werden, vgl. unten IV, § 7.
3 Vgl. seine Stellungnahme zu meinen „Werthaltungen“, „Beiträge usw.“,
S. 48, einem Thema, auf das in gegenwärtiger Schrift erst weiter unter (II, § 9)
eingegangen werden kann.
4 Vgl. „Über Annahmen"2, S. 309 ff.
