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II. Die Werterlebnisse.
Potentialwert ein Paradigma dar für eine bisher noch nicht von uns
berücksichtigte Verhaltungsweise gegenüber Werten, den Fällen des
Begehrens darin verwandt, daß dabei weder Dasein noch Nichtdasein
maßgebend ist, von ihnen aber dadurch unterschieden, daß eben das
Begehren fehlt. Kann auch da nicht daran gedacht werden, daß das
Subjekt, sofern es überhaupt eine Wertstellung zum Objekt einnimmt,
sich bloß intellektuell verhält, so bleibt angesichts der Erfahrung auch
hier nur die Berufung auf Phantasiefreude respektive Phantasieleid als
das dem Werte gegenüber charakteristische Verhalten übrig, so daß sich
das Gefühl, wenn man neben Ernst- auch Phantasiegefühle einbegreift,
allenthalben als Werterlebnis bewährt. Die Analogie dessen, was uns
beim Begehren einigermaßen vor die Wahl zwischen Begehrtwerden und
Begehrtwerdenkönnen stellte, legt jetzt die Frage nahe, ob es sich,
wenn die Ausdrucksweise vorübergehend gestattet ist, um aktuelles
Befühltwerden oder nur um ein Befühltwerden können handeln wird.
Auch diesmal wird die Entscheidung zu Gunsten des Potentiellen aus-
fallen müssen, will man den Wert nicht an die Flüchtigkeit der Gedanken
und Gefühle binden. Dagegen wird eine Beschränkung auf das qualitative
Moment hier entbehrlich sein, da den Ernstgefühlen im Bedarfsfalle
die Phantasiegefühle zu Hilfe kommen, indes in betreff der Phantasie-
begehrungen, so wenig die Gesetzmäßigkeiten ihres Auftretens noch unter-
sucht sind, doch schon primitivste Erfahrung außer Zweifel setzt, daß
sie offenbar beträchtlich weniger bereitwillig zur Verfügung stehen.
Zusammenfassend können wir also jedenfalls das Ergebnis der
bisher durchgeführten Untersuchungen so formulieren: Sind wir vor
die Wahl gestellt, ob wir das Gefühl oder die Begehrung als das
Werterlebnis betrachten wollen oder eigentlich, ob wir Gefühl oder
Begehrung als das Werterlebnis zu betrachten haben, dann kann die
Entscheidung nur zu Gunsten des Gefühls ausfallen. Sind wir aber vor
die Wahl gestellt? Stehen Gefühl und Begehrung hinsichtlich ihrer
Position zum Werte einander wirklich als Glieder einer Disjunktion
gegenüber? Maßgebend für die Beantwortung dieser Frage kann wie
für alles bisherige, was sich uns zur Feststellung eines natürlichen
Wertbegriffes dargeboten hat, wieder nur sein, einmal, was wir uns
beim Worte „Wert“ wirklich denken, dann eventuell auch das, was wir
uns dabei denken sollen.¹ Was nun aber zunächst den ersten Gesichts-
punkt anlangt, so liegt es meinem persönlichen Sprachgefühl nach wie
vor in der Tat recht fern, bei Wert" an Begehren zu denken. Aber
die Gewähr dafür, daß das bei jedermann ebenso sei, habe ich natürlich
nicht, und die Tatsache, daß die Begehrungsansicht vom Wesen des
Wertes doch vielfach Anklang gefunden hat, läßt das Gegenteil ver-
muten. In betreff des zweiten Gesichtspunktes aber ist für viele Fälle
die natürliche Zusammengehörigkeit von Fühlen und Begehren sowie
die Bedeutsamkeit des Begehrens doch nicht in Abrede zu stellen. Es
sind uns ja im vorangehenden Beispiele genug dafür begegnet, wie leicht
1 Vgl. oben S. 3.
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