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I. Voruntersuchungen.
denen doch niemand nachfragt. Der erste, beste Grashalm auf der
Wiese, ja ein Staubklümpchen in einer Fußbodenritze ist, ausreichend
genau genommen, sicher das Einzige seiner Art und darum schlecht-
hin unersetzlich; aber niemand denkt daran, diesen Dingen darum
irgend Wert beizulegen. Man ersieht daraus, daß Seltenheit und selbst
Unersetzlichkeit für sich allein den Wert niemals ausmachen können,
obwohl sie ihn ohne Zweifel sehr erheblich mitbestimmen, wenn er
anderswie bereits begründet ist. Das kommt auch in der Weise dieser
Mitbestimmung unverkennbar zutage, sofern diese nur in Wertherab-
setzung besteht, nämlich Herabsetzung jenes Wertes, der dem betreffenden
Objekte im Falle seiner Einzigkeit und Unersetzbarkeit zukäme: Steigerung
der Seltenheit und daher der allfälligen zum Ersatz führenden Opfer
bedeutet niemals eine eigentliche Steigerung des Wertes, sondern nur den
Übergang zu einem geringeren Grade von Wertherabsetzung. Jedenfalls
darf man also behaupten: Kosten und Mühe, die mit der neuerlichen
Herstellung einer Sache im Verlustfalle etwa verbunden sein würden,
sind nur dann geeignet, auf den Wert der Sache Einfluß zu nehmen,
wenn diese Sache schon ohne Rücksicht auf die Opfer Wert hat.
Wer also den Opfern die Fähigkeit zuspricht, den Wert zu konstituieren,
setzt dabei bereits Wert als vorgegeben voraus, und hierin liegt der
erste Zirkel.
1
Aber noch ein zweites Mal ist in einer derartigen Konzeption
der Wert bereits als gegeben vorausgesetzt, und zwar wahrscheinlich
nicht nur bei Heranziehung der bevorstehenden, sondern auch bei der
der gebrachten Opfer, nur im ersteren Falle in besonders augenfälliger
Weise. Warum ist es uns einigermaßen verständlich, daß uns an der
Existenz eines Dinges um so mehr liegt, je mehr Kosten und Mühe
wir im Nichtexistenzfalle auf uns nehmen müßten? Doch wohl nur
darum, weil Kosten und Mühe uns lästig, also eben darum, weil es
Opfer sind.¹ Ein Opfer aber ist seinem Wesen nach genau das
Gegenteil dessen, was wir als wertvoll zu bezeichnen pflegen, das heißt,
es hat seinem Begriffe nach Wert mit negativem Vorzeichen, insofern
also auch Wert.2 Opfer können also schon deshalb den Wert nicht
konstituieren, weil sie selbst Wert, allerdings negativen Wert haben
müssen, um Opfer zu sein.
Dem durchaus negativen Ergebnisse gegenüber, das sonach die
kritische Diskussion des Grundgedankens der Opferwerttheorie³ zutage
1 Es ist, immerhin zunächst vom Standpunkte der Ethik und Politik,
beachtenswert, daß diese Voraussetzung gar falsch sein kann. Zwar hätte, wer
den Dichterworten den Satz nachbildete „Arbeit ist die größte Plage, Reichtum
ist das höchste Gut". einer Meinung Ausdruck gegeben, die auch heute noch
für größte politische Parteien axiomatische Selbstverständlichkeit hat. Mit der
,Würde der Arbeit" aber steht ein solches Axiom in kaum zu lösendem
Widerstreit.
99
2 Vgl. auch Wieser a. a, O. S. 99 ff., 110 f.
3 Eine mehr ins einzelne eingehende Würdigung namentlich der ökono-
mischen Seite dieser Theorie vgl. insbesondere Wieser a. a. O. S. 97 ff. sowie
desselben Autors „Der natürliche Wert", S. 64 ff.
