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Es gibt aber auch Tatsachen, die man sich ohne inneren Wider-
spruch ohne Widerspruch gegen die Gesetze der Logik
"Weg-
denken kann. Es hat zum Beispiel einen guten Sinn, sich auszudenken,
wie es gekommen wäre, oder wie es hätte kommen können, wenn Caesar
den Rubikon nicht überschritten hätte (gleichviel wie wenig Wertvolles
dabei herauskommen mag), oder wie es wäre, wenn die Gravitation,
statt mit dem Quadrate, mit einer anderen Potenz der Entfernung ab-
nähme, wenn die Geschwindigkeit eines Körpers, auf den keine Kraft
wirkt (von selbst") kleiner würde u. s. w. Die Fälle, die solchen An-
nahmen entsprechen, sind nicht selbst Tatsachen, aber sie sind nicht
unmöglich, nicht schlechthin nichtseiend, es sind bestehende oder
mögliche" Fälle. Ihr Sein hat den Charakter des Bestehens, nicht der
Tatsächlichkeit; aber selbstverständlich ist es Tatsache, daß sie bestehen,
das heißt, daß sie ein Sein im Charakter des Bestehens haben. Solche
bloß bestehende Fälle implizieren zwar, selbstverständlich, alle logischen
Tatsachen, überhaupt alle, denen Notwendigkeit und Allgemeinheit zu-
kommt, alle apriorischen, aber, wie sich gezeigt hat, nicht alle Tatsachen
überhaupt, nicht alle Erfahrungstatsachen.
Der Bereich der Dinge, die den Gesetzen der Galilei-Newtonschen
Mechanik genügen, umfaßt nicht alle bestehenden Dinge überhaupt. Er
kann aber trotzdem als i-Bereich auftreten, nämlich in einer Unter-
suchung, die die genannten Prinzipien alle voraussetzt, als erfüllt be-
trachtet. In diesem Bereiche ist ein möglicher", das heißt bestehender
Gegenstand, wie ein Körper, dessen Geschwindigkeit ohne beschleunigende
Kräfte sich ändert, nicht vorhanden, er fällt in die Klasse Ò. Und er
ist in der Tat in diesem Bereiche unmöglich", das heißt, ohne
überflüssige Paradoxie ausgedrückt: ein Ding, das die genannten Prin-
zipien alle erfüllt, eines von ihnen aber (das Beharrungsprinzip) nicht
erfüllt, ist in der Tat unmöglich. - Dieses Beispiel zeigt, in welchem
Sinne wir, durch die Voraussetzung, daß gewisse Objektive außer den
logischen Tatsachen erfüllt seien, einen beliebigen Bereich als i-Bereich
auffassen können. In einem solchen Bereiche, den wir durch die Voraus-
setzungen eben „bestimmen", das heißt erfassen, sind die vorausgesetzten
Objektive durch jedes Ding (des Bereiches) erfüllt, also Õ-Objektive.
Die einen Gesamtbereich (1) bestimmenden Objektive werden sehr oft -
zum Teil wenigstens nur stillschweigend vorausgesetzt", was nicht
nur heißt, daß sie nicht bei jeder Gelegenheit, bei der sie zur Geltung
kommen, in Worten ausgesagt werden, sondern auch, daß sie sehr oft
überhaupt nicht (aktuell) gedacht, sondern dispositionell in unserem
Denken und Meinen vertreten sind. ¹)
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So sind bei geometrischen Untersuchungen gewöhnlich die Axiome
der Euklidischen Geometrie, bei physikalischen meist die Galilei-
Newtonschen Prinzipien stillschweigend vorausgesetzt, und man wird
es gewöhnlich ausdrücklich hervorheben, wenn man einen Nicht-Euklidi-
schen Raum oder die Einstein- Minkowskische Zeit voraussetzt.
¹) Über die Bedeutung von Dispositionen (auch sofern sie nicht im Sinne der
ihnen vorzugsweise entsprechenden Leistung betätigt sind) für das Meinen vergleiche
meine Programmabhandlung „Zur Frage nach der Bedeutung der Erscheinungen für
das Erfassen des Nichtphänomenalen", VIII. Jahresbericht des II. Staatsgymnasiums
in Graz, 1910. Vergleiche übrigens Schröder, Algebra der Logik, I. Bd., S. 86 ff.
