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§ 33. Zur Theorie des Begriffes.
Im Urteil jedes gleichseitige Dreieck ist gleichwinklig" meinen
wir mittels des Subjektsbegriffes jeden Gegenstand, der das Objektiv, ein
gleichseitiges Dreieck zu sein, tatsächlich erfüllt; jeder solche Gegen-
stand erfüllt dann auch das Prädikatsobjektiv des Urteils, er ist durch
das Urteil getroffen. Den Gegenstand durch das Urteil zu treffen ist uns
dadurch ermöglicht, daß wir durch den Subjektsbegriff ihn erfassen; die
Gegenstände, die mittels eines auf den Begriff gestellten Urteils getroffen
werden können, sind die Zielgegenstände des Begriffes, die durch ihn
gemeinten Gegenstände.
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Durch den Begriff ist allerdings festgesetzt, was für Dinge ihm als
Zielgegenstände entsprechen können, aber nicht, welche (individuellen)
Dinge es sind. Das hängt allein von den Tatsachen ab, wie sie nun
einmal sind. Die Tatsächlichkeit des einzelnen, individuellen Falles kann
aber nur durch das evidente Urteil erfaßt werden, indes der bloße Be-
griff, etwa eines Teiles der Ebene, der von drei Geraden begrenzt ist
(oder sei"), noch kein Urteil enthält; er wird vielmehr durch Annahmen
gedacht. Im Begriffe denken wir ein etwas, das a erfülle, wo a ein Ob-
jektiv, gewöhnlich in Form einer Objektivsumme angegeben, ist der
sogenannte Begriffsinhalt. Wir setzen also im Begriffe gewisse Objektive
voraus und meinen durch ihn etwas, das diesen Voraussetzungen genüge,
sie erfülle. Die unabhängig voneinander vorausgesetzten (unbestimmten)
Objektive heißen die konstitutiven Merkmale des Begriffes, ihre Objektiv-
summe (a) ist der Inhalt des Begriffes.
oder verneint entgegentritt. In diese Stellung „wie zu einem Urteilsobjektiv"
scheinen wir nun dem „A ist" gegenüber dadurch zu treten, daß wir das Objektiv nicht
bloß denken, sondern in der Annahme „daß A ist" es, wie man kurz sagen könnte,
„phantasiemäßig urteilen", das heißt, indem wir in dieser Annahme das urteilsmäßige
Erfassen des Objektivs nicht bloß dem Inhalte nach reproduzieren, sondern auch dem
Urteilsakte, dem Überzeugungsmomente nach sozusagen nachahmen oder phantasie-
mäßig nachbilden, so tun", als urteilten wir es. Wie nun der Überzeugung des
echten Urteils die Stellung des erfaßten Objektivs innerhalb des Gegensatzes von
wahr und falsch entspricht, so eignet sich die Nachbildung des Überzeugungsmomentes
in jenem Phantasieurteil dazu, uns das Objektiv in dieser seiner Stellung (also als
wahres oder falsches) erfassen zu lassen (vgl. § 29). Neben solchen Annahmen, die
sich als Phantasieurteile darstellen, gibt es aber allem Anscheine nach auch An-
nahmen, die bloß den Inhalt eines (möglichen) Urteils wieder vollziehen, die sich
als bloßes Denken" des Objektivs darbieten, als Setzung ohne Nachbildung des
Überzeugungsmomentes (oder die wenigstens nur ihrem Inhalte nach in die weitere
intellektuelle Verarbeitung maßgebenderweise eingehen). Wenn wir ein Objektiv in
der Infinitivform aussprechen, so haben wir es gewöhnlich wohl in einer solchen
Annahme bloß gedacht". Daher auch die bekannte Erscheinung, daß sich an einen
Infinitiv die Prädikate wahr und falsch nicht (sprachgemäß) anschließen lassen: das
Sein des A ist nicht wahr oder falsch, sondern nur tatsächlich oder nicht tatsächlich
zu nennen. Die Unterscheidung von Phantasieurteil und reiner Annahme im Sinne
des,bloßen Denkens" scheint sich auch sonst als fruchtbar zu erweisen. Wenn zum
Beispiel an das Annehmen desselben Objektivs sich einmal ein Phantasiewertgefühl
(eine phantasiemäßige Wertung) knüpft, ein anderes Mal aber ein ästhetisches Gefühl,
so liegt eben allem Anscheine nach der Grund zu dieser Verschiedenheit des emo-
tionalen Verhaltens darin, daß einmal ein Phantasieurteil (eine Nachbildung des
Urteils, das Voraussetzung eines Wertgefühls wäre, Meinong, Über Annahmen,
2. Aufl., § 58), die intellektuelle Grundlage des emotionalen Erlebnisses bildet, das
andere Mal aber ein „,bloßes Denken" desselben Objektivs oder doch die das Objektiv
erfassende Annahme nur ihrem Inhalte nach, was auch mit der von St. Witasek
angegebenen Kennzeichnung der ästhetischen Gefühle als Inhaltsgefühle überein-
stimmt.
