§ 3. Die Aktualitätsbedingungen. Seins- und Nichtseinswerte. 133 Man kann vielmehr auch so interpretieren: das, dem der Wert für den Sammler abgesprochen wird, ist das Stück im Besitz des Händlers und der Grund, weshalb der Wert von diesem Objekte negiert wird, liegt nicht im Mangel an der Existenz, für die im Gegenteil bestens gesorgt ist, sondern im Mangel an der Eigenschaft, im Besitz oder Eigentum des Sammlers zu sein. Wichtiger als der Umstand, daß die Wendung, etwas hätte Wert, habe ihn aber nicht, doch durchaus nicht jedesmal sicher auf Nicht- existenz des Objektes zu deuten ist, steht nun aber der Unerläßlich- keit der Existenz (respektive des Seins) der Wertobjekte die Tatsache entgegen, daß wir Werterlebnisse kennen gelernt haben, die geradezu das Nichtsein des betreffenden Objektes voraussetzen (Nichtseinsgefühle) und solche, die wenigstens mit dem Sein des Objektes unverträglich wären (Begehrungen). Es verdient dies um so mehr Beachtung, als die Wertgröße, wie ich schon an anderem Orte¹ hervorzuheben Anlaß hatte, ganz wesentlich durch die Sachlage bei der Nichtexistenz mitbestimmt wird. Das gilt insbesondere von übertragenen, zum Beispiel Wirkungs- werten. Soweit die Größenabhängigkeit der Wirkungswerte von ihren Stammwerten dem Grenznutzengesetze folgt, sind es nicht die Wirkungen existierender Ursachen, die den Ausschlag geben, sondern gerade die Wirkungen, die im Nichtexistenzfalle der Ursache entfallen müßten. Ich schätze einen Bogen aus dem Vorrat meines Briefpapieres nicht nach dem möglicherweise für mein ganzes Leben entscheidenden Brief, den ich tatsächlich auf diesen Bogen schreibe, sondern nach der vielleicht ganz unwichtigen Aufzeichnung, die im Verlustfalle dieses Bogens unter- bleiben müßte. Zwar sind Wertstellungnahmen dieser Art schwerlich die einzig berechtigten; sie sind wohl nur unter ökonomischen Gesichts- punkten und daher unter besonderer Bezugnahme auf Begehrungen³ nächstgelegt. Aber sie sind doch auf alle Fälle Tatsache; andererseits aber ist überdies der Anteil der Nichtseinsgefühle auch schon bei Eigen- werten darzutun.3 Kann man unter solchen Umständen überhaupt daran denken, die Existenz oder allgemein das Sein des Wertobjektes dem Werte im Sinne eines obligaten thetischen Prädikates zuzusprechen? Inzwischen ist diese Frage negativ zu beantworten doch mindestens nicht selbstverständlich. Erstaunlich freilich wäre eine Bestimmung, deren Anwendungsgebiet auf das Sein eines Gegenstandes beschränkt wäre und die doch zugleich dem Falle des Nichtseins dieses Gegen- standes Rechnung trüge. Daß aber die Beschränkung, mindestens in prinzipieller Allgemeinheit, nicht tatsächlich besteht, ist ja ohne allen. Zweifel der eben zuvor wieder berührten Erfahrung zu entnehmen, 1 „Über Werthaltung und Wert", Archiv f. system. Philosophie, Bd. I 1895, S. 332 ff. 2 Vgl. meine Vermutung in „Über emotionale Präsentation", S. 118. Sie wird durch die Tatsache bestätigt, daß Wertübertragungen von der Wirkung auf die Ursache zwar sehr oft in Bezug auf die Zukunft, sehr selten dagegen in Bezug auf die Vergangenheit vorkommen, also dort zu fehlen scheinen, wo das Begehren keine natürlichen Angriffspunkte hat. Vgl. „Über Werthaltung und Wert", a. a. O., S. 336.