§ 3. Gut und Übel, Glück und Unglück. 97 obige symbolische Aufzeichnung der acht Glücks-, respektive Unglücks- fälle bleibt dabei zu Recht bestehen, wenn man das zweite Vor- zeichen vor dem Beistrich nicht mehr bloß auf Werthaltungen, sondern auf Gefühle kurzweg bezieht, sodaß das Pluszeichen einfach Lust, das Minuszeichen einfach Unlust bedeutet. " Da jedes Gefühl zur Gegenstandsvoraussetzung eines Wertgefühles mit übereinstimmendem Vorzeichen gemacht werden kann, so ist es immerhin möglich, von der eben vollzogenen Erweiterung der ersten Aufstellungen über Glück und Unglück auf diese Aufstellung wieder zurückzukommen, das heißt Glück und Unglück doch wieder bloß auf Werthaltungen zu beziehen. Man müßte aber dann hinzufügen, daß die Größe von Glück und Unglück sich durchaus nicht immer nach diesen Werthaltungen, sondern, wenn noch andere Gefühle beteiligt sind, sich eventuell auch nach diesen richtet. An einem dauernden, etwa unheilbaren körperlichen Schmerz kann man in hohem Grade unglücklich sein, auch wenn man körperlichem Ungemach keinen erheblichen Wert oder richtiger Unwert beizumessen geneigt ist. Und nicht nur wer „zu Tode betrübt", sondern auch wer himmelhoch jauchzend" ist, wird das vor dem Forum seiner Werthaltungen allein schon deshalb nicht motivieren können, weil die bereits erwähnte¹ Blässe und relativ geringe Lebhaftigkeit der Wertgefühle dazu keine Anhaltspunkte bieten dürfte. Man hat also schwerlich Grund, dort, wo die Empirie keine Belege dafür bietet, Werthaltungen als Grundlagen für Glück und Unglück noch gleichsam zu interpolieren. Jedenfalls aber bleibt eine unter Umständen ganz erhebliche Diskrepanz zwischen Glück und Werthalten bestehen, die, wie man schon jetzt leicht sieht, ein namhaftes Auseinandergehen von Lust und Wert im Gefolge haben kann, und zwar nicht nur was die Stärke, sondern sogar was das Vorzeichen betrifft, indem nicht nur große Lust kleinen Wert haben, sondern positiver Wert auch mit Unlust verbunden sein kann, wenn sich auf diese als Mittel eines wertvollen Zweckes ein ihren natür- lichen Unwert kompensierender vermittelter Wert überträgt.2 Die hier gegebenen Aufstellungen zunächst auf Dasein oder Existenz statt auf Sein im allgemeinen zu beziehen, mag den Sinn haben, daß Quasiobjekte nicht leicht als Güter oder Übel betrachtet werden, Glück und Unglück aber sich nur wenig natürlich von dem prädizieren lassen dürfte, was nicht in der Zeit ist. Besonders prinzipiell wäre indes diese Einschränkung keinesfalls zu nehmen, sodaß der Ersatz von Dasein" durch Sein" wohl auch hier vorsichtiger ist. " An letzter Stelle muß hier noch einer Wendung gedacht sein, die der Glücks-, respektive Unglücksgedanke, der ja zunächst auf das Objektiv und dessen Objekt gerichtet ist, nun wieder sozusagen ins Subjektive zurückgenommen hat. Wer Glück hat, muß darum noch nicht glücklich sein. Damit kann freilich leicht nur dies gemeint sein, 1 Vgl. oben S. 80. 2 Über Wertübertragung und -vermittlung vgl. unten III, § 4. Meinong, Zur Grundlegung der allg. Werttheorie. 7