§ 3. Gut und Übel, Glück und Unglück, 93 Solchen Vorbehalt also im folgenden jederzeit vorausgesetzt, läßt sich vor allem behaupten, daß Glück wie Unglück niemals durch ein Objekt ausgemacht werden, sondern jederzeit durch ein Objektiv. Ein gezogenes Los, ein Heilmittel für eine sonst tödlich verlaufende Er- krankung, einen erfolgreichen Feldzug, einen ehrenvollen Frieden wird niemand, wenn er einigermaßen genau redet, ein Glück nennen, wohl aber dies, daß das Los gezogen wurde, daß es das Medikament gibt, daß der Feldzug zum Siege geführt hat, daß der Friede geschlossen wurde. Es steht damit nicht anders wie etwa mit den Attributen „mög- lich" „notwendig" 1 und anderen, immerhin auch was die Gefahr anlangt, namentlich Substantive, die Objektive bedeuten, auf Objekte zu inter- pretieren. Am eindeutigsten ist das, von dem Glück oder Unglück in natürlicher Weise prädiziert werden kann, jederzeit durch einen Satz, zunächst wohl durch einen „daß"-Satz auszusprechen, worin die Objekiv- natur des Subjektes einer solchen Prädikation unverkennbar zu Tage tritt. Ist einmal soviel festgestellt, dann kann über das, was ein Objektiv zu einem Glücks- oder Unglücksfall determiniert, kaum mehr Unsicher- heit aufkommen. Hat man es mit einem Objekte zu tun, dessen Dasein, oder mit einem, dessen Nichtdasein erfreut, dann redet man, falls jenes Objekt da ist, respektive dieses nicht da ist, von Glück. Dagegen ist es ein Unglück, wenn das existiert, respektive nicht existiert, dessen Existenz, respektive Nichtexistenz mir leid ist. Will man, was ja durch die ganze Betrachtungsweise so sehr nahegelegt ist, hier die oben präzisierten Begriffe von Gut und Übel anwenden, so findet man sich auf Bestim- mungen geführt wie diese: Glück besteht darin, daß ein Gut existiert, respektive ein Übel nicht existiert, Unglück wird durch Existenz eines Übels, respektive Nichtexistenz eines Gutes ausgemacht. Aber diese zweiten Formulierungen begreifen augenscheinlich mehr in sich als die ersten, da die Vorzeichengleichheit, durch die das Gut, und die Vor- zeichenverschiedenheit, durch die das Übel definierbar ist, je zwei Aus- gestaltungen zuläßt, von denen die obige erste Charakteristik von Glück und Unglück jedesmal nur eine heraushebt. Nun ist, die zweite heran- zuziehen, auch seinerseits keineswegs sinnwidrig. Wenn etwas nicht da ist, dessen Dasein, oder wenn etwas da ist, dessen Nichtdasein mich freuen würde, so wird man darin leicht ein Unglück sehen, ebenso ein Glück, wenn das nicht da ist, dessen Dasein, oder wenn etwas da ist, dessen Nichtdasein mir leid wäre. Aber ausnahmslos wird dies doch durchaus nicht zutreffen: der verwöhnte Reiche, von dem schon wiederholt die Rede war, verspürt den Luxus, der ihn umgibt, nicht als Glück, obwohl er unglücklich genug wäre, wenn er seiner entraten sollte. Man sieht leicht, daß, was hier eventuell störend in den Weg tritt, eben das ist, was uns oben als Störung in der Zuordnung der Gegengefühle begegnet ist. Wo solche Störungen fehlen, da fügen sich auch die sozusagen zweiten Fälle von Gut und Übel ohne weiteres der Subsumtion unter die Begriffe Glück und Unglück. Immerhin könnte 1 Vgl. „Über Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit" [Register].