§ 2. Die Gegengefühle. 89 wie diese Abstumpfung gerade bei den Gegengefühlen sich in besonderem Maße geeignet zeigt, die anscheinend durch die Natur der Sache geforderte Stärkegleichheit solcher Gefühle in ihr Gegenteil zu verwandeln. Existiert ein Werthaltungsobjekt, so bedeutet das die Tendenz, das betreffende Daseinsgefühl, existiert es nicht, so eine Tendenz, das betreffende Nichtdaseinsgefühl der Abstumpfung auszusetzen. Davon sind nicht einmal Bestandgefühle ausgenommen, trotz der den Beständen eigenen Zeitlosigkeit¹. Denn für die Abstumpfung kommt ja zunächst nicht die allfällige Gegenstandszeit, sondern die Voraussetzungsurteils-, respektive die Gefühlszeit in Frage. Daß übrigens auch noch ganz andere Faktoren zu derartigen Erfolgen beitragen können, mag das Beispiel einer oft zu machenden Erfahrung dartun. Zu Auszeichnungen, Ehrenstellen und dergleichen, durch die nicht selten politische, wissenschaftliche und ähnliche Verdienste anerkannt werden, verhalten sich bekanntlich die Nachdenklicheren meist so, daß sie, wenn sie die Anerkennung ver- dient zu haben glauben, es zwar kaum sonderlich schätzen, sie zu erhalten, wohl aber einen Entgang verspüren, wenn sie ihnen vorent- halten worden ist. Äußerlich steht das durchaus auf gleicher Linie mit dem Verhalten des Verwöhnten, der durch den Luxus, der ihn umgibt, nicht berührt wird, solange er da ist, ihn aber entbehrt, wenn er fehlt. Bei Ehrenzeichen aber kann die Gewöhnung nicht wohl den Ausschlag geben: denn hat einer das Zeichen nicht erhalten, so ist er eben zunächst an den Nichtbesitz gewöhnt, hat er es dagegen eben erhalten, so kann Gewöhnung an den Besitz noch gar nicht vorliegen. Dagegen bietet sich zur Erklärung hier ein anderes naheliegendes Moment dar, der Vergleich mit anderen, die ähnliche Anerkennung ver- dient, respektive empfangen haben. Was als Besitz durchaus wertlos ist, kann derjenige schmerzlich vermissen, der sich durch den Entgang gegenüber anderen, nicht Würdigeren zurückgesetzt findet. Merkwürdig ist immerhin, daß hier schon eine so summarische psychologische Betrach- tung wie die eben durchgeführte auf Analogien zu zwei fundamentalen Gesetzmäßigkeiten auf dem Gebiete des Lichtsinnes führt. Man wird ja kaum umhin können, bei der Gefühlsabstumpfung an das Adaptations- gesetz, bei der Steigerung vermöge des Gegenteiles an das Kontrast- gesetz zu denken. Außerstande, derartigen Details hier weiter nachzugehen, dürfen wir zusammenfassend jedenfalls zweierlei behaupten: einerseits die durchaus apriorische Natur der Einsicht darein, daß demselben Objekt gegenüber für dasselbe Subjekt von den möglichen Werthaltungen immer nur die beiden Glieder eines Gegengefühlspaares in Frage kommen, andererseits die trotz eines unverkennbaren apriorischen Einschlages doch wesentlich empirische Natur des Wissens darüber, ob das Subjekt auf jedes der beiden unter den gegebenen Umständen möglichen Vor- aussetzungsurteile durch ein Wertgefühl reagiert und ob diese Gefühls- reaktion eine starke oder eine schwache ist. Denn dies hängt außer 1 Vgl. „Über Annahmen" 2 [Register].