76 Bestimmung nur wertvoll ist, sofern ihr Zutreffen der Verwirklichung eines richtigen Gesamtwollens günstig ist. Das richtige Wollen aber wäre das einzige absolut Gute.' Nun gibt es gewiß Bestimmungen solcher Art, daß ein Wille sich in Verhältnissen der Stärke, die innerhalb weiter Grenzen wechseln, für sie einsetzen kann, ohne deshalb unrichtig zu werden: das sind die Bestimmungen der Dinge, an deren persönliche Wertung der Maßstab objektiver Richtigkeit nicht recht anzulegen ist; unter ihnen mag der eine diese, der andere jene vorziehen, wie es ihm genehm ist, weil sie für die Richtigkeit des Wollens indifferent sind. Es gibt aber auch Bestimmungen, an denen jeder Wille in bestimmten Verhältnissen Anteil zu nehmen hat, um richtig zu wollen. Wir werden diesem Tatbestande gerecht, wenn wir erklären: die Be- stimmungen, die in gewissem Verhältnis der Anteilstärke eines Willens (Gesamtwollens) gewollt, ihm die größte Wahrscheinlichkeit der Er- füllung geben, sind in eben diesem Verhältnis objektiv wertvoll (Anteilstärke im Sinne von § 12, 2). 39 Mit dieser Wertformel ist nicht in zirkelhafter Weise der Wert der einzelnen Bestimmungen durch die Bewährbarkeit eines Willens und diese wieder durch den Wert seiner Ziele definiert", sondern sie nennt jene in dem Maße wertvoll, in dem sie von einem Willen gewollt werden müssen, damit er, als Gesamtwille, am bewährbarsten sei. Unter allen Umständen ist also die formale Richtigkeit selbst am stärksten zu wollen: ihr Wert ist der höchste, unbedingt ent- scheidende. Aber damit ist nicht gesagt, daß alle anderen Werte aus diesem Wert entspringen, sondern eher, daß dieser alle einschließt. Nicht weil ein richtiger Wille sich für die Gegenstände in diesem Verhältnis einsetzt, sind sie so wertvoll, sondern der Wille ist richtig und wertvoll, weil er die Gegenstände in dem Verhältnis ihrer Werte will, weil er ihrem Werte gerecht wird. Als sachliche intellektuell faßbare Grundlage ihrer Werte kommt den Bestimmungen eine gewisse Bewährbarkeit in einem konsistenten Systeme zu, dessen Verwirklichung der richtige Wille erstrebt. Von hier aus wird ver- ständlich, daß Wahrhaftigkeit, Verläßlichkeit, Gerechtigkeit, Wohl- wollen wertvolle Eigenschaften sind, und eine entwickelte Ethik müßte unter Voraussetzung der Wertformel über die Verhältnisse ihrer Werte Klarheit gewonnen haben. Zugleich wird der Grund eingesehen, weshalb abgesehen von Wertirrtümern zu ver- schiedenen Zeiten bei verschiedenen Menschen so Verschiedenes als sittlich gut gilt: bei ungleichen Individuen, unter ungleichen Bedin- ――――― ――― 1 Der Anfang von Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten spricht diesen Gedanken aus. „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille." Die Talente des Geistes, Eigenschaften des Temperamentes, Glücksgaben, die Glückseligkeit, sogar Eigenschaften, die dem guten Willen förderlich sind, haben „dem ungeachtet keinen innern unbedingten Wert, sondern setzen immer noch einen guten Willen voraus" (um gut zu sein).