68 Es ist gezeigt worden, welche Bedeutung die Sätze über das Sollenswidrige unter Voraussetzung des Begriffs des uneigentlichen Sollens haben (§ 10, 4). Eigentlichem Sollen gegenüber aber gibt es Sollenswidriges in Wirklichkeit und es ist bemerkenswert, daß angesichts solcher Fälle Gefühlsregungen und Begehrungen auftreten, die ganz unseren paradoxen Sätzen entsprechen, nach denen das Sollenswidrige Sollenswidriges fordert und, wenn Sollenswidriges ist, nichts oder Beliebiges sein soll. Der Drang nach Vergeltung und Rache, auch das wenn du so bist, warum soll ich besser sein" illustriert den ersten, die manchmal fassungslose Entrüstung („da hört alles auf") und das „Fordern" von Sinnlosigkeiten („da soll doch .") den zweiten Satz. In der Dichtung finden sich viele "9 . · schöne Belege für Gemütsregungen im Sinne dieses Satzes (z. B. bei Shakespeare, Macbeth III, 4, 1-20; König Lear III,1, 1ff, III, 2, 1ff und sonst). Tatsächlich hebt auch das Sollenswidrige das unbedingte Gefordertsein des Sollensmäßigen nicht auf (Satz 29, § 3, § 7), und das ist entscheidend für die Richtigkeit unseres Verhaltens. Aber doch fordert das Sollenswidrige, neben seinem Gegenteil, auch wieder Sollenswidriges als Konsequenz und setzt damit ein relatives Seinsollen für Sollenswidriges. So gilt nicht nur das Wort vom Fluch der bösen Tat, die so leicht ihresgleichen im Gefolge hat, sondern auch das Verlassen der Konsequenz des Unrichtigen, die Korrektur des Bösen, hat, obwohl pflichtmäßig als Ganzes, immer und wesenhaft schon als Verlassen einer Konsequenz - unwertige Komponenten und damit relative Sollenswidrigkeiten in sich es ist das Böseste am Bösen, daß es uns auch das Rechte nicht ohne eine Schuld ergreifen läßt. - - Das uneigentliche Seinsollen des Tatsächlichen kommt hier darin zur Geltung, daß auch das Sollenswidrige, sobald es geschehen ist, als Tatsache hingenommen werden soll, gegen die zu wollen un- vernünftig wäre, so sehr auch seiner Wiederholung oder Dauer ent- gegenzuwirken ist. Psychologisch merkwürdig ist übrigens die Neigung, Sollenswidriges, wenn es nur lang genug gedauert hat, milder zu beurteilen, wenn nicht gar als richtig gelten zu lassen: eine Art Übertragung des Einwilligens in die Tatsachen auf das, was nach einem Gewohnheitsurteil sofern wir eben nichts dagegen tun auch so bleiben wird". Vielleicht liegt eine Spur von Berechtigung solches Verhaltens in der Erfahrung, „daß es eben auch so geht“, was freilich nur ein relatives Seinsollen für künftige Dauer ergeben kann. - 12. Das Wollen und der Wert. 1. Abhängigkeit des Sollens vom Wert. Wir wollen nichts, was nicht um seiner selbst oder um eines anderen (Wertvollen) willen Wert für uns hat, und wir sollen etwas wollen, sofern