56 " wenn Sollenswidriges ist, so ist das und das" und diese verdanken im Bereiche materialer Richtigkeit ihre Wahrheit sämtlich dem Um- stande, daß (hier) Sollenswidriges niemals ist ein solcher Satz sagt ja „Sollenswidriges ist nicht oder es besteht das und das". In diesem Bereiche ist auch unrichtiges Wollen nicht sollenswidrig, sofern es tatsächlich ist. Ein material unrichtiges Wollen ist auf etwas gerichtet, was nicht sein soll d. h. hier, was nicht eintreten wird und nur in diesem Sinne ist es „sollenswidrig“, aber nicht in dem Sinne, daß es selbst nicht tatsächlich auftreten soll, denn es tritt eben auf. Wenn man von sollenswidrigem Wollen spricht, so meint man natürlich immer eines, das etwas fordert, was im Sinne eigentlichen Sollens sollenswidrig ist, und dann ist es auch das Wollen selbst. Aber unrichtig wird auch schon obgleich nicht immer ein Wollen genannt, dem nur die materiale Richtigkeit fehlt. Man sagt dann wohl eher, jemand habe es nicht richtig angefangen, aber doch auch, er habe eben nicht ganz richtig gewollt, wenn es auch gut und innerlich richtig gemeint war. Unser Satz (IV), der feststellt, daß es (mindestens) einen Sach- verhalt U gibt, den zu wollen richtig ist, trifft damit einfach die tatsächlichen Sachverhalte. Das material richtige Wollen geht auf Tatsachen, sei es, daß es als eigentliches Wollen sein Ziel erreicht, sei es, daß es als uneigentliches eine Tatsache anerkennt. " Satz (V) verlangt für das richtige Wollen Widerspruchslosigkeit. Darunter ist hier nicht nur Freisein von einem „inneren" oder logischen Widerspruch im Gewollten gemeint, das ist Freisein von implizierten (angewandten) Bestimmungen, deren eine das Negat der anderen impliziert, sondern Freisein von materialen Im- plikaten, deren eines das Negat des anderen ist. Ein Sachverhalt, wie der, daß Sokrates an Altersschwäche gestorben ist, ist „in sich“ nicht widersprechend, aber er widerspricht dem Sachverhalt, daß Sokrates nicht an Altersschwäche gestorben ist, den er, als eine Tatsache, (material) impliziert. So ist er material nicht wider- spruchfrei. Wer material unrichtig will, will also implizite Tat- sächliches und Untatsächliches nebeneinander. Versucht er „seine Absicht zu verfolgen", so wird er auf einen Punkt stoßen, wo sie, genau festgehalten, aufhört, ihm die Richtung seines Tuns zu weisen, wo für ihre Verwirklichung alles gleich gut und gleich schlecht erscheint, Iweil eben nichts ihr dienen kann: falsches Wollen wird richtungslos, es fordert am Ende jedes beliebige und nichts von allem. - Wenn Sollenswidriges ist, soll jedes beliebige sein, und es soll jedes beliebige nicht sein. Dieser paradoxe Satz, eine einfache Folge davon, daß Sollenswidriges im materialen Sinne eben niemals ist, findet doch eine Art Spiegelung in unserem Bewußtsein: nämlich dann, wenn geschieht, was nach unserer Ansicht von der Ordnung der Natur nicht sein sollte, was uns unmöglich" scheint. Wer Zeuge einer großen Katastrophe gewesen ist, kennt wohl das 99 ――― - - - - -