Vorwort. Im Jahre 1919 wurde mir das Wort Selbstbestimmung, das in aller Leute Munde war, Anlaß eines Versuches, mir einen klaren Begriff zu dem Wort zu bilden. Natürlich stieß ich dabei alsbald auf die Schwierigkeiten und Dunkelheiten des Sollensbegriffes: das Problem wandelte sich. Grundbegriff aller Ethik, kann der Begriff des Sollens ein brauchbares Fundament ihres Aufbaus nur geben, wenn er in einem System von Axiomen festgelegt ist. Ein solches Axiomensystem führe ich hier vor. Wollen und Urteil zielen auf Tatsächlichkeiten, das Wollen ins- besondere auf Tatsächlichkeit eines Wirklichen, woran der Wille selbst bestimmend Anteil hat: eine Tatsächlichkeit, die, mindestens im Sinne des Wollens, sein soll. Urteil und Wollen sind material richtig, wenn sie Tatsachen treffen. Die Gesetze ihrer materialen Richtigkeit erweisen sich als streng konform; zur Logik des Urteils tritt eine Logik des Willens oder Deontik. Die Tatsache, daß wir in Bestimmungen denken und die Unvollständigkeit des Erfassens, die sie mit sich führt, macht, daß zwar materiale Richtigkeit immer angestrebt, aber nur formale in der dieses Streben sich bewegt eigentlich geboten ist. Das Wesen dieser Richtigkeit glaube ich aufgezeigt zu haben, zugleich die notwendige und hinreichende Bedingung für Wert und Sollen, die rein intellektuell erfaßbar ist. Das Wesen des Wertes freilich und das des Sollens bleibt nur dem direkten, anschauungs- artigen Erfassen zugänglich, das sich emotionaler Präsentation bedient. Dies achtend kann man ohne unerlaubtes Rationalisieren auf der Grundlage unserer Sollensgesetze eine exakte reine Ethik gewinnen. In der Darstellung habe ich den rein formalen Teil auf das kleinste zulässige Maß gebracht und ihn auch so gestaltet, daß am Ende niemand, um die Arbeit zu verstehen, gezwungen ist, formel- hafte Ableitungen zu verfolgen. Für die geringe Berücksichtigung der Literatur war neben schwerwiegenden äußeren Gründen besonders der innere maßgebend, daß ich vorläufig nur eine positive Grund- legung bieten wollte. So habe ich die Anführungen fast auf die Schriften beschränkt, aus denen ich für diese Arbeit wesentliches gelernt habe, - es ist nicht zu verwundern, daß es besonders Werke meines verehrten Lehrers sind; auf bloße Übereinstim- mungen ist nur selten hingewiesen und Polemisches gänzlich ver- mieden. Graz, am 13. September 1925. ――― 638657 -