120 Vierter Teil. Höhere algebraische und transzendente Konstruktionen. Vor allem ist aber der besondere Kalkül und die besondere Methode zu erwähnen, die Schubert a. a. O. für Fragen dieser Art geschaffen hat. Die Methode besteht insbesondere in der Anwendung des Prinzips von der Erhaltung der Anzahl ¹): Wenn ein algebraisches Gebilde so viel Bedingungen unterworfen wird, daß nur eine endliche Anzahl von Gebilden der betreffenden Art existieren, so wird diese Anzahl entweder unendlich oder bleibt bei richtiger Zählung unverändert, wenn die Bedingungen irgendwie spezialisiert werden. Das ist ein Korollar des Fundamentalsatzes der Algebra, das aber in dieser Allgemeinheit nicht ohne Vorsicht benutzt werden darf. Soll z. B. die Anzahl der Transversalen zu vier gegebenen Geraden ABCD bestimmt werden, so gebe man zweien (A, B) die spezielle Lage, daß sie sich schneiden. Dann gibt es offenbar zwei und nur zwei Trans- versalen, nämlich eine durch den Punkt (AB), eine in der Ebene (AB); also gibt es auch bei allgemeiner Lage genau zwei, in spezi- ellen Fällen (z. B. für vier Tetraederhöhen) unendlich viele. Der von Schubert eingeführte Kalkül besteht in der Symbolik der Bedingungen: Den Grundbedingungen, aus denen sich alle anderen zusammensetzen, werden bestimmte feste Symbole beigelegt und mit diesen Symbolen ähnlich wie im Logikkalkül) gerechnet¹). Z. B. be- deuten 9, 9p, 9e die Bedingungen, daß eine Gerade durch eine ge- gegebene Gerade bzw. durch einen gegebenen Punkt gehen bzw. in einer gegebenen Ebene liegen soll; und g, 99, das eine Gerade zwei gegebene Gerade schneiden bzw. eine gegebene Gerade schneiden und durch einen gegebenen Punkt gehen soll; und g+9p, daß eine Ge- rade entweder durch zwei gegebene Gerade oder durch einen gegebenen Punkt gehen soll u. dgl. Schließlich wird noch die Anzahl von Gebilden, welche einer bestimmten Bedingung genügen, mit dem Symbol dieser Bedingung), unbestimmte Bedingungen mit x, y, ... usw. bezeichnet. Es stellt sich heraus, daß in dem so skizzierten Kalkül Addition, Subtraktion und Multiplikation gelten, aber im allgemeinen nicht Division. Mit diesen Hilfsmitteln gelingt es z. B. leicht zu zeigen, daß die 1) Schubert, Gött. Nachr. (1874), p. 274, (1875, 1877); Math. Ann. 10 (1876), p. 23, 351; 13 (1878), p. 430. In speziellen Fällen wurde das Prinzip auch angewandt von L. Marcks, Math. Ann. 5 (1872), p. 27, Sturm, Math. Ann. 7 (1874), p. 567, Jonquières, Brioschi Ann. VIII, p. 312, Hurwitz, Math. Ann. 15 (1879), p. 8, Vahlen, Crelles J. 113 (1894), p. 348. 2) Bobillier, Gerg. Ann. 18 (1827 u. 1828), p. 320, Nr. 16; Steiner, Crelles J. 2 (1827), p. 96, Nr. 10: Werke I, p. 128. 3) Über diese auf Lambert und Boole zurückgehende Disziplin vgl. namentlich E. Schröder, Logikkalkül, Leipzig 1877, Algebra der Logik, Leipzig 1890-95. 4) Das Produkt von Bedingungen benutzte schon Halphen, Compt. rend. 76, p. 1074. 5) Schubert, Gött Nachr. 1874.