Kapitel I. Projektive kubische Konstruktionen. 65 Kapitel I. Projektive kubische Konstruktionen. Als Fundamentalaufgabe legen wir die folgende zugrunde: „Das gemeinsame Poltripel zu finden zu einem festen, gezeichnet vorliegenden und jedem beliebigen durch fünf Punkte gegebenen Kegelschnitt.“ ¹) Später wird sich herausstellen, daß es genügt, die Aufgabe nur für den spezielleren Fall als lösbar einzuführen, in welchem von den fünf willkürlichen Punkten zwei fest gegeben sind. Zunächst läßt sich zeigen, daß auf Grund der kubischen auch die quadratische Fundamentalaufgabe lösbar ist. Man kann annehmen, daß das eine A, A' der beiden gegebenen Punktpaare, deren gemein- sames harmonisches gesucht wird, auf dem gezeichnet vorliegenden Kegelschnitt liegt, da sich der allgemeine Fall durch Perspektivität auf diesen zurückführen läßt. Nunmehr konstruiere man den Pol P der Geraden AA' und nehme als den durch fünf Punkte bestimmten Kegelschnitt den durch B, B', einen beliebigen dritten Punkt hindurchgehenden, die Geraden [BP], [B'P] tan- gierenden Kegelschnitt. Ist dann P Q R das gemeinsame Poltripel, dann ist QR das gemeinsame harmonische Paar zu AA',BB'. Die Lösung der kubischen Fundamentalaufgabe umfaßt also die der quadratischen. B' R Auf Grund der kubischen Fundamentalaufgabe wird auch die allgemeinere lösbar: das Poltripel P, Q, R zu zwei durch je fünf 1) Zur wirklichen Ausführung wäre also ein Kegelschnittzirkel zu ver- wenden, welcher einen Kegelschnitt durch fünf Punkte zu legen gestattet. Ein solcher ist von W. Jürges (Schlöm. Ztschr. 38 (1893), p. 350) angegeben worden; er beruht auf der projektiven Fundamentaleigenschaft, während die älteren Kegelschnittzirkel, wie der Ellipsenzirkel von Leonardo da Vinci (aber auch neuere, wie der von Brauer (vgl. hierüber Schlöm. Ztschr. 38 (1893), Hist.-lit. Abt., p. 195)) auf metrischen Eigenschaften beruhen. Über ältere Kegelschnitt- zirkel s. A. v. Braunmühl, Schlöm. Ztschr. 35 (1890), Hist.-lit. Abt., p. 161. Vahlen: Konstruktionen u. Approximationen. 5