Entropie III niemals völlig scharf definiert oder gemessen werden kann. Es stimmt hierin mit den allgemeinen Eigenschaften der Wahrneh- mungsgegenstände überein (vgl. § 5). In der Physik hat man erst in neuerer Zeit mit Kollektivgegen- ständen zu tun. Solche sind im Anschluß an die neuere Atomistik gebildet worden. Ein Beispiel eines physikalischen Kollektivbe- griffes ist z. B. die Geschwindigkeit der Gasmoleküle bei einer bestimmten Temperatur; man hat hier eine Verteilungsfunktion (nach Maxwell), welche angibt, wie die Anzahl der Moleküle eines bestimmten, sehr kleinen Geschwindigkeitsintervalls von der Geschwindigkeitsmaßzahl abhängt. Andere solche Kollektiv- gegenstände der Physik sind z. B. der gastheoretisch definierte Druck und auch die Temperatur eines Gases. Die physikalischen Kollektivgegenstände pflegen im allge- meinen auf eine so große Anzahl von Einzelvorgängen Bezug zu nehmen, daß dabei die näherungsweise Definition nicht im- mer deutlich hervortritt. So auch beim Begriff der Entropie, deren Maßzahl, wie aus obiger Gleichung (1) hervorgeht, als Funktion eines Kollektivgegenstandes definiert ist, wenn, die Temperatur, gastheoretisch als Kollektivgegenstand zugrunde gelegt wird. Die näherungsweise Bedeutung des Kollektiv- gegenstandes Temperatur überträgt sich hiermit also auf die En- tropie, die damit ebenfalls eine nur näherungsweise, einem Kol- lektivgegenstand eigentümliche Definition bekommt. Wie wichtig der Begriff des Kollektivgegenstandes für die gesamte Physik ist, erhellt u. a. daraus, daß jede mehr als einmal vorgenommene physikalische Messung irgendeiner Größe ein Kollektivgegenstand ist, da jede einzelne Messung mit einem Fehler behaftet ist (vgl. § 6). Die physikalische Messung einer Größe bezeichnet stets einen gewissen Durch- schnittswert unter vielen Einzelbeobachtungen, der mit der näherungsweisen Bestimmtheit einer physikalischen Kollektiv- größe behaftet ist. Der Umstand, daß die Entropie eine Kollektivgröße ist, liegt im Grunde auch dem interessanten, gelehrten Streit zwischen Gehrcke, Physik und Erkenntnistheorie 8*