86 B. Besonderes Inhalt von Raum und Zeit, oder kurz aus der Natur. Die Wel- ten Ro, R1, R2..., die wie die Bilder eines kinematographischen Films zeitlich aufeinanderfolgen, haben eine bemerkenswerte, er- fahrungsmäßige Eigenschaft, die sie von dem logisch möglichen Aufeinanderfolgen von logisch möglichen Ro', R₁, R'…….unter- scheidet: es besteht (innerhalb der Genauigkeit unserer Wahr- nehmung) ein stetiger Übergang zwischen den R。, R1, R₂ ..., sofern die Zeiten to, t, t... stetig aufeinanderfolgen. Man kann dies kurz so ausdrücken: die räumliche Anordnung der Welt zu irgendeiner Zeit t unterscheidet sich von derjenigen zur Zeit t+dt nur um unendlich wenig; betrachten wir also z. B. einen Teil der Welt Ro, etwa einen Mückenschwarm zur Zeit t, so ist dieser Mückenschwarm zu der Zeit t +dt noch fast genau in der- selben räumlichen Anordnung vorhanden, und es kann jeder Teil des Systems, jede einzelne Mücke, nur einen solchen Platz im Raum einnehmen, der um eine unendlich kleine Strecke dr von ihrem Platz zur Zeit t entfernt ist. Die Stetigkeit oder Kon- tinuität des raumzeitlichen Geschehens beschränkt die an sich vorliegenden Möglichkeiten der raumzeitlichen Verknüpfung in ganz bestimmter, charakteristischer Weise; Unstetigkeiten im Naturablauf werden dadurch ausgeschlossen. Hierfür hat die Scholastik die kurze Ausdrucksweise: natura non facit saltus.¹ Diese Bestimmtheit des Naturablaufs ist als eine erfahrungs- mäßige und näherungsweise verbürgte anzusehen (vgl. S. 48 ff.). Man könnte auf den Einfall kommen, daß die Dinge umgekehrt liegen und etwa meinen, daß das Chaos der logischen Möglich- keiten von uns aus willkürlich so geordnet wird, daß beispiels- weise die Ro', R, R, Rg'... nach dem Ordnungsprinzip mög- lichster Gleichheit oder Ähnlichkeit in eine Reihe gesetzt werden, und daß wir die so entstehende geordnete Reihe die ¹ Wenn man behauptet hat, die Quantentheorie der neueren Physik durch- breche den stetigen Ablauf der Naturvorgänge, so ist dies eine etwas voreilige Annahme; es ist etwa so, als wenn jemand behaupten wollte: weil beim Über- laufen eines Glases Wasser nicht eine beliebig kleine Menge Wasser, sondern mindestens ein Tropfen überläuft, so ist das Wasser unstetig aus einzelnen Tropfen zusammengesetzt.