Zeit. Bewegung und Geschwindigkeit 85 § 15. Bewegung und Geschwindigkeit. Die Zusammengehörigkeit¹ von Zeit und Raum im Natur- geschehen ist in eindringlicher und klarer Weise durch Palágyi² behandelt worden: es gibt keine Empfindungen oder äußere Wahrnehmungen oder physikalische Vorgänge, die allein im Raume oder allein in der Zeit vor sich gehen. Wir können Raum und Zeit verstandesmäßig voneinander trennen, wie wir begrifflich die Farbe und die räumliche Form eines Buchstabens voneinander trennen konnten (S. 57 ff.), aber wir können Raum und Zeit nicht aus ihrer lebendigen gegenseitigen Verknüpfung im Naturgeschehen lösen. Palágyi gelangt zu den Sätzen: 1. Die Mannigfaltigkeit aller Raumpunkte schließt sich in dem Zeit- punkte zu einer einheitlichen Totalität zusammen, kurz: der Zeitpunkt ist der Weltraum. 2. Die Mannigfaltigkeit aller Zeit- punkte schließt sich in dem Raumpunkt zu einer einheitlichen Totalität zusammen, kurz: der Raumpunkt ist der Zeitstrom. Diese Aussagen beziehen sich offenbar nicht auf die Begriffe von Raum und Zeit und auch nicht auf irgendwelche einzelnen physiologischen Räume und Zeiten, sondern auf Raum und Zeit der Natur, insbesondere also den physikalischen Raum und die physikalische Zeit. Wir haben sonach eine zeitliche Kette von räumlichen Welten Ro, R1, R2..., die zu den entsprechend zugeordneten Zeiten to, t₁, tą... existieren. Die Zusammengehörigkeit von Zeit und Raum entspringt nicht aus den Begriffen beider, sondern aus dem von Kayser, Erfurt. Ferner Annalen der Philosophie 1921, besonders die Auf- sätze von Kraus, Linke, Lipsius. Sehr bemerkenswert ist auch ein nachge- lassener Aufsatz des Philosophen Brentano über Raum und Zeit, den O. Kraus in den Kantstudien Bd. 25, 1920, veröffentlicht hat. Siehe auch Geißler, Widerlegung des formalen Relativismus, Verlag von Hillmann, Leipzig, und Gehrcke, Beiträge zur Philosophie des deutschen Idealismus 2. Bd. 1921, S. 13. ¹ Diese Zusammengehörigkeit ist nur für das Geschehen der sogenannten äußeren Natur ersichtlich. Rein psychische Akte, wie Wille, Gefühl, lassen sich zwar auf der Zeitskala einreihen, nicht aber im Raume. 2 Melchior Palágyi, Neue Theorie des Raumes und der Zeit, Engel- mann, Leipzig 1901. Neudruck in Vorbereitung.