58 B. Besonderes denn wir sind außerstande, uns eine räumliche Figur vorzustellen, welche von aller sinnlichen Qualität befreit wäre; ein farbloser Buchstabe ist anschaulich nicht vorstellbar, er muß Farbe haben, und sei es auch nur ein unscheinbares Grau. Wir bemerken weiter, daß auch unsere Tastempfindungen einen räumlichen Inhalt haben, und zwar sind die räumlichen Eigenschaften der Tastempfindungen ähnlich denen der optischen Wahrnehmun- gen; eine genauere Untersuchung ergibt allerdings, daß beide keineswegs identisch sind (vgl. Stumpf a. a. O.), aber die Ähn- lichkeit ist unverkennbar. Die anderen Sinne: Geruch, Ge- schmack, Gehör usw., vermitteln uns ebenfalls jeder individuelle räumliche Auffassungen. Man kann daher von besonderen räum- lichen Eigenschaften des Sehens, Tastens usw. sprechen, oder kurz von einem ,,Sehraum",,,Tastraum" usw. Diese physiolo- gischen Räume haben charakteristische Eigenschaften, z. B. sind sie alle endlich, nicht unendlich ausgedehnt, die endlichen Grenzen sind unscharf, wie überhaupt die Elemente dieser Räu- me unscharf sind; das kleinste Element eines physiologischen Raumes ist nicht ein Punkt, sondern ein sehr kleiner Raum. Die Unterschiede der,,physiologischen Räume" untereinander tre- ten weniger hervor als das ihnen Gemeinsame, und erst die ge- nauen Untersuchungen der modernen Physiologen haben auf die Unterschiede der physiologischen Räume geführt. Sicherlich werden bei naiver, ungenauer Auffassung die Verschiedenhei- ten der einzelnen physiologischen Räume nicht bemerkt, so daß es also lediglich das Übersehen der unterscheidenden Merkmale ist, das uns zum Gedanken eines einzigen Raumes bringt. Aber im fortgeschritteneren Zustande können wir jedenfalls das Gemeinsame der verschiedenen physiologischen Räume als abstrakten Begriff von der Besonderheit der einzelnen Sinnesqualität begrifflich ablösen und also die raumartigen Eigenschaften der verschiedenen Sinnesqualitäten begrifflich als ,,Raumanschauung" oder ,,Raumbegriff" zusammenfassen. Hiernach verbinden wir mit der Ansicht des Aristoteles einen vernünftigen Sinn, wenn wir unter,,Raum" unseren durch