40 A. Allgemeines etwa eine anschauliche Länge (z. B. eines Stabes), nur näherungs- weise definierbar ist (vgl. § 7), und daß gerade das Schwanken- de, Unsichere, welches der anschaulichen Stablänge anhaftet, nur der andere Ausdruck für einen gewissen kontinuierlichen Bereich ist. Erschien daher vorher das Kontinuum als das aus Diskretem logisch Konstruierte, so erscheint jetzt das Diskrete als ein logisch konstruierter, scharfer Ausschnitt aus einem Kon- tinuum. Die Tatsache der Verschwommenheit der Wahr- nehmung, die die Verschwommenheit aller physikalischen Be- griffe nach sich zieht, bedingt also zweierlei: das unterschied- lich Wahrgenommene, Diskrete und das die Unterschiede Ver- wischende, Verbindende, Kontinuierliche. Beides, sowohl das Kontinuierliche, wie das Diskrete, erscheint also jedes für sich logisch hineinkonstruiert in den Komplex des Wahrnehmungs- aktes, der unsere theoretischen Anschauungen über die empiri- schen Gegenstände in gleicher Weise verschwommen macht, wie er selbst verschwommen ist, und der alle physikalischen Begriffe zu unsicheren, schwankenden Gebilden unseres Denkens werden läßt. Aber diese Schwankungen sind zwischen Grenzen einge- schlossen, und deshalb erfüllen die physikalischen Begriffe ihren Zweck und vermitteln uns, wennschon nicht scharf, so doch angenähert die Vorgänge in der wirklichen Natur. Von diesem Gesichtspunkt aus erledigen sich alle Fragen der- art, ob unsere Naturgesetze stetige oder unstetige Funktionen sind, von selbst. Das Gravitationsgesetz z. B. wird als näherungs- weise, stetige Funktion zwischen näherungsweise definierbaren, physikalischen Größen aufzufassen sein, es ist aber nicht ganz ausgeschlossen, daß eine spätere Zeit feststellt, daß die Gravi- tation etwa eine Wellenausbreitung ist, und daß die Anziehung zwischen den gravitierenden Massen ruckweise, in lauter kleinen 1 Meinong, Über die Erfahrungsgrundlagen unseres Wissens, Abhandlun- gen zur Didaktik und Philosophie der Naturwissenschaft, Bd. 1, Heft 6, S. 66ff., hat eindringlich dargelegt, daß alle Wahrnehmung und alle Wirklichkeit,,zeit- verteilt" ist, d. h. daß ein nur in einem Zeitpunkt oder Raumpunkt vor- handenes Wirkliches uns nicht gegeben ist.