Harmonie 37 und weil sie nur mit populären Worten und Begriffen arbeite. Wir können unerörtert lassen, ob das mathematische Wissen- schaftsideal zu recht besteht, es genügt uns hier für das Ver- ständnis der,,prästabilierten Harmonie zwischen Mathematik und Physik" die Feststellung, daß der Gedanke eines mathema- tischen Wissenschaftsideals tatsächlich in vielen Köpfen feste Wurzel geschlagen hat. Descartes' hatte sich die Meinung gebildet, daß die mathema- tischen Gebilde, wie Punkt, Linie usw., real im Verstand seien: Unsere Auffassung der Dinge sei unvollkommen, unser Vor- stellungsvermögen ebenfalls, dieses gebe uns die reale Wirklich- keit nur näherungsweise wieder, und gerade deshalb meint Des- cartes, einen Übergang der mathematischen Figuren aus den Sinnen in den Geist leugnen zu sollen. Ferner seien die im Ver- stande real vorhandenen mathematischen Ideen in ihrer Gesamt- heit von der allgemeinen Ausdehnung bis in die unendliche Zahl der besonderen Figuren, Zahlen, Lagen, Bewegungen usw. auch in den Dingen real vorhanden. Damit haben wir die voll- ständige Theorie dessen, was spätere Mathematiker (Hermite u. a.) eine,,prästabilierte Harmonie zwischen Mathematik und Physik" genannt haben. Unterstützt wurde dieser Gedanke bei den Physikern offenbar durch die großen Fortschritte, die die mathematische Physik machte. Es sei besonders an Newtons Gravitationsgesetz er- innert: hier schien eine mathematische Formel direkt an den Himmel geschrieben zu sein, es erschien ein realer astronomischer Naturvorgang adäquat durch eine mathematische Formel aus- gedrückt. Übrigens haben sich auch viel ältere Physiker schon in ähnlicher Richtung ihre Gedanken gemacht, so z. B. Pytha- goras, der aus der Beobachtung der einfachen Zahlenverhältnisse, z. B. der Saitenlängen bei harmonischen Tonintervallen, zur Idee einer Harmonie des Kosmos angeregt wurde. In diesem Zusam- menhange sei an die historisch wichtige Ideenverbindung von 1 E. Goldbeck, Descartes' mathematisches Wissenschaftsideal. Disser- tation Halle 1892.