28 A. Allgemeines tischen Begriffe ins Auge faßt. Alle Begriffe der Geometrie: Linie, Kugel, Ebene usw., bezeichnen sämtlich ideale Gebilde von aufs äußerste logisch extrapolierten und interpolierten Vor- stellungs- oder Wahrnehmungsgebilden; niemand vermag z. B. eine (unendlich dünne) geometrische Linie in der Wirklichkeit aufzuzeigen, alle auf den ersten Blick für ,,Linien" gehaltenen Gebilde der Wirklichkeit haben eine gewisse, wenn auch kleine Breite: auch der Spinnenfaden hat eine Dicke. Dementsprechend kann man unsere obige Betrachtung auch umkehren und darlegen, daß die geometrischen Gebilde nur un- genau vorstellbar sind, daß das Vorstellungselement des Raumes y Fig. 2 nicht ein Punkt, sondern ein sehr kleiner Körper ist. In diesem Sinne hat sich F. Klein¹ geäußert. Die Ungenauigkeit der vor- stellbaren Raumgebilde wird nach Klein analytisch dadurch ausgedrückt, daß jede vorgestellte Kurve ein Kurvenstrei- fen ist, der durch einen Funktionsstreifen = y = f(x) = ε repräsentiert wird, wo & eine sehr kleine Größe, ein Schwellen- wert, aber keineswegs o ist (vgl. Fig. 2). Klein führt für die Mathematik eine Trennung in zwei Gebiete ein: das eine, die Präzisionsmathematik, arbeitet mit scharfen oder präzisen Be- griffen und Gebilden; dieses ist diejenige Mathematik, die wir schon in der Schule zu lernen beginnen. Das andere Gebiet, die Approximativmathematik, arbeitet mit unscharfen Gebilden, z. B. mit Funktions,,streifen" statt mit Funktionen. Die Be- griffe der Präzisions mathematik, wie Punkt, Linie, Differential- quotient usw., sind logische Erweiterungen von allseitig sehr kleinen Körpern, sehr dünnen langen Körpern, sehr kleinen Dif- ferenzverhältnissen usw.; alle diese erweisen sich als logische Kunst- 1 F. Klein, Erlanger Berichte; 1873, S. 5 ff.