Physikalische Größen 123 wisser Wahrnehmungsfehler, behaftet mithin alle physikali- schen Größen mit einer vom Stande der Meßtechnik abhängigen Ungenauigkeit, die eine ideale Schärfe der physikalischen Größen ausschließt. Aber nicht allein aus diesem Grunde ist die physikalische Größe mit Ungenauigkeit, mit gewissem Schwan- ken behaftet, das den Größen, die wir rein logisch setzen können, fremd ist. Betrachten wir, um dies einzusehen, ein möglichst deutliches, populäres Beispiel: die Höhe unseres Wohnhauses. Diese Länge ist eine physikalische Größe, die meßbar ist. Die Meßgenauigkeit ist aber hier nicht durch die heutige Meßtechnik allein beschränkt, viel mehr noch ist sie es aus einem anderen Grunde: die Höhe des Hauses ist von vornherein nur ungenau definiert: es ist zweifelhaft, an welcher genauen Stelle der un- terste Punkt liegt; etwa zu ebener Erde? Aber wo ist die Erde ganz eben? Es ist auch zweifelhaft, wo der höchste Punkt liegt; etwa auf der obersten Dachkante? Aber wo hat das Dach eine scharfe Kante? Daher kommt es, daß in diesem Falle die Aus- führung der Messung mit den feinsten Methoden gar nicht durch- führbar ist, da der Begriff,,Höhe des Hauses" zu unbestimmt ge- halten ist, und erst bei genauerer Festlegung dessen, was die Höhe sein soll, könnte eine genauere Messung, aber nie eine ideal voll- kommene, ausgeführt werden. Wir könnten die ungenaue Defi- nition der physikalischen Größen durch beliebig viele Beispiele weiter erläutern, aber es ist wohl unnötig, näher auszuführen, daß z. B. der Flächeninhalt der Ostsee nicht auf I Quadratmeter ge- nau definiert ist, daß das Gewicht eines Menschen nicht auf ein Milligramm genau sinnvoll anzugeben ist usw.; auch ist heute kein elektrischer Strom genauer als auf 1/10 pro Mille definiert, kein Verdünnungsgrad einer Salzlösung anders als bis zu einem gewissen Genauigkeitsgrade definiert, usw. Kein empirischer Gegenstand verträgt eben die mathematische, scharfe Genauig- keit, und so sehr auch hin und wieder ein Naturgegenstand oder Vorgang einem mathematischen Ideale nahezukommen scheint, bei näherem Hinsehen tritt stets eine gewisse Ungenauigkeit zu- tage, welche die scharfe Definition fiktiv erscheinen läßt. Zwar