Anschauungsgrößen 19 ob der zeitartige Ablauf der physikalischen Wirklichkeit wie das Ideal des Zeitkontinuums erfolgt, oder ob er in kleinen Rucken vor sich geht.¹ Ebenso ist es z. B. durchaus hypothetisch, anzu- nehmen, daß in der Natur eine kontinuierliche Skala von Gewichten herstellbar ist; eine diskontinuierliche Skala, d. h. eine solche, deren Glieder ein zwar nur Geringes, aber Endliches voneinander verschieden sind, wäre vorhanden, falls die Gewichte in der Natur aus Atomen zusammengefügt sind, deren jedes sein bestimmtes Gewicht hat. Dann würde eine kontinuierliche Skala ausgeschlossen und die logische Möglichkeit einer diskontinuier- lichen Gewichtsskala die zutreffende sein. Das Bestehen eines Schwellenwertes für die kleinste anschau- bare Größe und ebenso das Vorhandensein einer endlichen An- zahl anschaubarer Größen zieht nun eine weitere Folgerung nach sich. Man betrachte etwa zwei Eisenstäbe a und b, deren Län- genunterschied nur begrifflich gedacht werden kann, der also, wenn überhaupt vorhanden, jedenfalls kleiner als der untere Grenzwert (vgl. § 4) 10-³ mm ist. Können wir in einem solchen Falle behaupten, die Stäbe seien gleich lang? Offenbar nicht so ohne weiteres. Alles, was wir behaupten können, ist nur, daß sie für unsere Anschauung gleich lang sind, da wir keinen Längenunterschied wahrzunehmen vermögen. Wir können dies auch so ausdrücken: die beiden Längen sind näherungs- weise gleich. In dieser kurzen Bezeichnung kommt einmal das 1 Schopenhauer äußerte sich (Welt als Wille und Vorstellung II, 2. Buch, Kap. 23, Reclam S. 355) im umgekehrten Sinne wie oben folgendermaßen: ,,Denn sowenig ich genötigt bin, die vor meinen Augen vorgehende, langsame, aber stetige und gleichförmige Bewegung eines Körpers mir zu denken als bestehend aus unzähligen, absolut chnellen, aber abgesetzten und durch eben- so viele absolut kurze Zeitpunkte der Ruhe unterbrochene Bewegungen, viel- mehr recht wohl weiß, daß der geworfene Stein langsamer fliegt als die ge- schossene Kugel, dennoch aber unterwegs keinen Augenblick ruht, ebensowenig bin ich genötigt, mir das Maß eines Körpers als aus Atomen und deren Zwischen- räumen, d. h. dem absolut Dichten und dem absolut Leeren, bestehend zu denken: sondern ich fasse, ohne Schwierigkeit, jene beiden Erscheinungen als stetige Kontinua auf, deren eines die Zeit, das andere den Raum gleichmäßig erfüllt."