Wahrheit. Wahrnehmung 7 auch wirklich für die Wissenschaft. Eine größere Sicherheit für die Wirklichkeit eines Naturvorganges als sein direktes Erleben in der Gegenwart läßt sich nicht angeben; diese Wirklichkeit nehmen wir wahr, und nehmen sie für wahr. Die direkte Wahrnehmung, die erste Stufe des Wirklichen, faßt zunächst ein unübersichtliches Chaos, einen Totaleindruck, auf. Dieser, das Empfinden, wird auch kurz als,,allgemeiner Eindruck" beim Wahrnehmungsakt bezeichnet. Zu ihm kommt sogleich ein zweites: wir verarbeiten, meist unbewußt, im Geiste den allgemeinen Eindruck, wir bilden Assoziationsreihen, Gedanken, und erst diese machen aus einer bloßen Empfindung eine Wahr- nehmung.¹ Die assoziative Verknüpfung des allgemeinen Ein- drucks mit Vorstellungsketten führt auf das Denken, und damit zum Grund aller Wissenschaft und allen Irrtums. Der allgemeine Eindruck beim Wahrnehmungsakt ist stets wahr, nie falsch; auch nicht bei einer Halluzination. Das halluzinatorisch Wahrgenom- mene ist immer ein wirkliches Erlebnis, also wahr, aber die Deutung, z. B. daß ein halluzinatorisch gesehener Gegenstand real existiere, ist falsch. Das Falsche kommt also erst durch die Verarbeitung im Denken zustande. Zu dem in der Gegenwart Wahrgenommenen kommt noch vieles in der Erinnerung Vorgestellte als Wirkliches hinzu: die Sonne, die ich gestern untergehen sah, erachte ich heute als et- was, das sicher gestern wirklich war. Dieses Wirkliche ist kein direkt Wahrgenommenes, sondern nur ein in der Erinnerung Vorgestelltes, das als zeitlich früheres Wirkliches zum wahrgenom- menen Wirklichen hinzukommt. Auch das in der Erinnerung Wahrgenommene rechnet Driesch zur ersten Wirklichkeitsstufe. Das Wirkliche der ersten Stufe besteht also aus einer zeitlichen Kette von Wirklichkeiten, die wie die einzelnen Bilder eines ki- nematographischen Films vom Denken ordnungsmäßig gesetzt ¹ Die feinere Analyse des Wahrnehmungsvorganges zeigt, daß auch in ihm schon Hypotehsen stecken. Ein Beweis hierfür sind u. a. die sogenannten optischen Täuschungen, welche dartun, daß im Wahrnehmungsvorgang nicht nur eine Aufnahme, sondern auch eine Verarbeitung der Reize geschieht.