6 A. Allgemeines eine den gegebenen Raum kontinuierlich erfüllende Ma- terie sei, welche bis zu beliebiger Feinheit unterteilbar ist, ohne je aufzuhören, Luft zu sein; mathematisch ausgedrückt: daß die in einem Volumen V enthaltene Luftmasse m eine Dichte besitzt, dm d V die durch den Differentialquotienten ausdrückbar ist. Mit einer solchen Auffassung kann man schon viel erreichen; man kann z. B. die meteorologischen Erscheinungen von Wind und Wetter damit beschreiben und zutreffende Schlüsse darauf auf- bauen. Und doch scheint die feinere Untersuchung zu zeigen, daß die zugrundegelegte Ansicht von der kontinuierlich raum- erfüllenden Luft nicht haltbar ist, daß sie nur eine bedingte, angenäherte Genauigkeit hat, daß sie also keine volle Wahrheit, d. h. im Grunde keine Wahrheit darstellt. Der Satz: es kommt nicht auf die Wahrheit, sondern auf die Fruchtbarkeit an, soll also wohl nur besagen: auch eine falsche Voraussetzung kann fruchtbar sein und ist in Ermangelung der Wahrheit zu verwen- den. Es wird aber kein Naturforscher deshalb darauf verzichten wollen, der Wahrheit nachzustreben, weil mitunter das Falsche Wert hat. § 2. Wahrnehmung. Jede empirische Wissenschaft setzt etwas voraus, von dem man sagt:,,es ist". Das, was ist, heißt Wirkliches. In der Natur- wissenschaft heißt die Gesamtheit alles Wirklichen,,Natur". Das Erkennen des Wirklichen ist keineswegs leicht; oft erweist sich für wirklich Gehaltenes nachträglich als unwirklich. Das am sichersten Wirkliche, sozusagen die höchste Wirklichkeit, der oberste Richter aller Meinungsverschiedenheiten der Naturfor- scher ist die direkte Wahrnehmung. Unter direkter Wahr- nehmung ist verstanden: das mit den Sinnen in der Gegenwart lebendig erfaßte Gegebene, also das Sinneserlebnis. Driesch¹ spricht hiervon als zur ersten Wahrnehmungsstufe ge- hörig.,,Dieser Baum",,,dieses Haus", das ich sehe, betaste usw. ist als Empfindungsinhalt unleugbar für mich wirklich. Es ist 1 Driesch, Naturbegriffe und Natururteile 1904, S. 4.