Wahrheit 5 lern. Die naturwissenschaftlichen Wahrheiten sind auch keines- wegs immer bequem oder angenehm zu hören, sie können unter Umständen die menschliche Eigenliebe und den Dünkel ver- letzen. Wem z. B. war der Gedanke behaglich, daß sich die Erde mit all ihren Menschen, Völkern und Dingen als verhältnismäßig kleiner Körper um die riesige, glühende Sonne herumwälzt? Ein großer Teil des starken Widerstandes, dem die Lehre von der Bewegung der Erde früher begegnete, dürfte aus dem Umstand entspringen, daß sie die menschliche Eitelkeit, die das ,,Zentrum der Welt" dem Menschen nahe gerückt wissen wollte, verletzte. Und so ist es auch mit vielen anderen Wahrheiten der Natur- wissenschaft. Der Forscher, der eine neue Wahrheit entdeckt, hat nicht nur die sachlichen Schwierigkeiten der Materie zu über- winden, er hat meist auch gegen das Übelwollen von Menschen und gegen die Trägheit der Gehirne anzukämpfen. Das alles zeigt, wie richtig neben intellektuellen und technischen Fähig- keiten für den Naturforscher die moralische Festigkeit ist, die ihn unbekümmert um alle Hindernisse seinen Weg zur Wahrheit gehen läßt. In neuerer Zeit ist der Satz geprägt worden, daß es in der Na- turwissenschaft nicht auf die Wahrheit, sondern auf die Frucht- barkeit ankomme. Aber dieser Satz ist wohl nur die drastische Formulierung eines an sich nützlichen Gedankens, und er würde nie ausgesprochen worden sein, wenn das Auffinden neuer Wahr- heiten leicht wäre. Die großen sachlichen Schwierigkeiten, die der Enthüllung des richtigen, wahren Tatbestandes sehr oft im Wege stehen, führen zu dem Notbehelf, zunächst nur nach ir- gendeiner, mehr oder weniger hypothetischen Auffassung zu suchen, die ein ungefähres Bild der Erscheinungen geben mag, das sich gedächtnismäßig festhalten läßt, das gestattet, Schlüsse zu ziehen und Ordnung in einen größeren Tatsachenkomplex hin- einzubringen, ohne daß die zugrunde gelegte Auffassung gleich die endgültig richtige, wahre zu sein braucht. Wenn ich z. B. die Druck- und Temperaturverhältnisse der Luft beschreiben will, so kann ich die Anschauung zugrundelegen, daß die Luft