180 Weltsystem (Fragment). Kurz, wir sind durch die Natur unseres Denkens gezwungen, den krummlinigen und ungleichförmigen Bewegungen geradlinige gleich- förmige Bewegung gedanklich zu unterschieben, damit wir im- stande sind, dieselben mathematisch zu charakterisieren. Das Trägheitsprinzip soll dann eben ein methodisches Prinzip dar- stellen, wieso wir beliebige (krummlinige und ungleichförmige) Bewegungen vermittels unendlich klein werdender geradlinig- gleichförmiger Bewegungen mathematisch bewältigen können. Dann wäre die Newtonsche Trägheitsbewegung kein realer Vor- gang, sondern bloß eine in unserer Einbildung vorhandene gedachte Bewegung, die zwar ein unerläßlicher methodischer Notbehelf für die Untersuchung beliebiger Bewegungen, aber auch sonst weiter nichts ist. Wir könnten noch viele Spalten damit füllen, um die Unklar- heiten, mit denen das lineare Trägheitsprinzip Newtons behaftet ist, ausführlich auseinander zu setzen; ja es scheint uns, daß wir mit einer solchen kritischen Beleuchtung niemals ganz zu Ende kämen, denn es ließe sich niemals erschöpfend darstellen, was sich alles Newton bei seinem vieldeutigen und vielfach verklausulierten ersten Bewegungsgesetz gedacht hat. Blickt man aber bis auf den Grund dieses diplomatischen Meisterwerkes, so findet man, daß es deshalb so vorsichtig formuliert werden mußte, damit die Me- chanik nicht gezwungen sei, den Begriff der ursprünglichen oder perpetuellen Bewegungen zum Gegenstand offener und eindring- licher Verhandlungen zu machen. Denn für den Denkenden ist es klar, daß in dem Newtonschen Trägheitsprinzip eigentlich von einer Spezies der ursprünglichen oder perpetuellen Bewe- gungen die Rede ist: von jener Spezies, welche geradlinigen und gleichförmigen Charakter hat. Nur hat es Newton nicht gewagt, sie als in der Natur wirklich existierend hinzustellen, worin wir eben ein Dokument seiner weisen Vorsicht erblicken. Eine geradlinig-gleichförmige Bewegung ist im dreidimensionalen Raume tatsächlich eine Unmöglichkeit, wie wir dies schon in der Abhandlung über die Relativitätstheorie gezeigt haben und im Verlaufe dieser Untersuchungen noch einmal darzu- legen gedenken. Jene ursprüngliche Bewegung aber, die Laplace seinem Urnebel zuschreibt, ist tatsächlich vorhanden und gehört zur natürlichen Ausstattung eines jeden eigentlichen Weltkörpers. In- dem dieser große Mathematiker den Urnebel rotieren und die Ro- tation auf alle Glieder unseres Sonnensystems übergehen ließ, hat er, ohne es zu merken, den Begriff der realen perpetuellen Bewe- gungen in die Mechanik eingeführt und sie in vollem Widerspruch zur Newtonschen Mechanik zur Grundlage einer neuen Bewegungs- lehre gemacht. Es wird unsere Aufgabe sein, soweit es die bisherige