Weltsystem (Fragment). 165 daß sie die himmlischen Umlaufsbewegungen aus den Achsendrehungen ableitet, oder auch, daß sie das planetäre Prinzip auf das kosmische zurückführt. Aller- dings findet sich dies bei Descartes nicht klar ausgesprochen, weil der Unterschied zwischen Achsendrehung und Umlaufs- bewegung in seinen berühmten Weltwirbeln mystisch zu verschwim- men droht. Dies ändert aber nichts an der bedeutsamen Tatsache, daß von ihm seit Jahrhunderten ein mächtiger Anstoß ausgeht, das kosmische Prinzip der Eigenrotationsbewegung der Sterne zum ersten Fundamentalsatz der Astronomie zu erheben, die Um- laufbewegung der Planeten aber als etwas Zweites und Abgelei- tetes zu betrachten. Wie stark die geistige Wirkung war, die von Descartes ausstrahlte, dafür ist das beredteste Zeugnis, daß Johann Bernoulli im Jahre 1732 von der Pariser Akademie einen Preis für eine Arbeit erhielt, in der er die Planetenbewegung aus der Descartesschen Wirbeltheorie zu erklären suchte. In un- serer Ausdrucksweise heißt das soviel, wie das planetäre Prinzip aus dem kosmischen abzuleiten. Nunmehr sind wir auch in der Lage, den Gegensatz zwischen Descartes und Newton von einer leicht faßlichen Seite möglichst scharf zu beleuchten. Während nämlich im Descartesschen Denken die Eigenrotation der Weltkörper, also die durch sie veranlaßten Weltwirbel die Hauptrolle spielen, läßt Newton diese ganze An- gelegenheit wie etwas Sekundäres beiseite liegen und wirft sich mit seinem außergewöhnlichen mathematischen Genie ganz auf das planetäre Prinzip, d. h. auf die Umlaufsbewegung des Mondes um die Erde sowie der Planeten um die Sonne. Er geht darauf aus, eine planetäre Mechanik zu schaffen: einen Kraft- und Wirkungsbegriff so auszubilden, daß aus ihm die drei Keplerschen Planetenumlaufgesetze mathematisch abgeleitet werden können. Er faßt also die drei Keplerschen Gesetze in ein Gesetz zusammen, in das Gesetz einer allgemeinen Gravitationskraft oder Schwer- kraft, die identisch ist mit der uns wohlbekannten irdischen Schwere und, zwischen Sonne, Planeten und Satelliten als Anziehungskraft wirkend, den Umlauf der letzteren um die erste regelt. Man pflegt diese großartige Leistung Newtons, vermöge deren er die drei Keplerschen Gesetze in ein einziges allgemeines Gravitationsgesetz zusammenfaßt oder umgekehrt die ersteren aus dem letzteren ableitet, als die Schaffung einer,,klassischen Mechanik", nament- lich einer,,Himmelsmechanik" zu bezeichnen. Der letztere Name ist aber jedenfalls irreführend, denn eine kosmische oder Himmelsmechanik muß doch irgendeinen Satz aufstellen, der für alle Sterne des Himmels gilt: von derartigen Sätzen kennen wir aber bislang nur einen, den wir eben als ersten Fundamentalsatz der Astronomie bezeichnen und der es bündig ausspricht, daß es