Weltsystem (Fragment). 163 wird, während im Commentariolus die Bewegung der Erde um die Sonne vorangestellt wird, ist natürlich gleichgültig." In dieser Bemerkung des verdienstvollen Biographen kommt eine allge- meine, landläufige Ansicht zum Ausdruck. Sie enthält jedoch eine tiefgehende Verirrung, denn die beiden Sätze haben ver- schiedenen Rang und Charakter, das Prinzip der Eigenrotation der Erde muß nämlich auf alle Planeten wie auch ihre Trabanten, ferner auf die Sonne wie auch auf alle Fixsterne ausgedehnt wer- den: es ist also der allgemeinste Satz, den die Astronomie über- haupt kennt. Der Satz vom Umlauf der Erde (und der Planeten) um die Sonne hingegen ist als ein lokales, bloß auf unser Sonnen- system bezogenes Prinzip gedacht und spielt neben dem ersteren eine höchst bescheidene zweite Rolle. Unsere Sonne nämlich samt der ganzen zugehörigen Sippe von Planeten und Trabanten ist sozusagen nur ein Punkt im kosmischen Raume und würde einem Beobachter von irgendeinem Fixsterne aus tatsächlich zu einem einzigen funkelnden Punkte verschmelzen, also haben Sätze, die sich auf den Umlauf von Planeten um die Sonne beziehen, bloß eine lokal-kosmische Bedeutung, während die Eigenrotation aller Sterne das grandioseste Prinzip ist, das die astronomische Wissen- schaft bislang zu formulieren vermochte. Praktisch und gefühls- mäßig interessiert uns Menschen freilich vor allem das Verhältnis unserer Erde zu unserer Sonne, und von diesem menschlichen, allzu menschlichen Standpunkte aus mag der Umlauf der Erde um die Sonne als der interessantere Grundsatz des kopernikanischen Systems hingestellt werden, aber vom wissenschaftlichen Stand- punkte kommt der Eigenrotation aller Sterne eine unvergleich- lich größere Tragweite zu. Was aber den Kopernikus veranlaßt haben mag, in seinem früher verfaßten kleinen Commentariolus den eigentlichen Hauptsatz der Astronomie in die zweite Reihe zu setzen, wohingegen er in seinem systematischen Hauptwerke (De Revolutionibus Orbium coelestium Libri VI, Norinbergae 1543) diesen Hauptsatz regelrecht vorangehen läßt, das zu ent- scheiden, mag den kritischen Historikern der Astronomie über- lassen bleiben. Wir werden den ersten Hauptsatz der Astronomie von der Eigenrotation aller eigentlichen Weltkörper kurz als das kosmische Prinzip bezeichnen, weil ihm die weiteste Geltung für alle Sterne zukommt; den zweiten Hauptsatz der Astronomie aber, vom Um- lauf der Erde und der Planeten überhaupt um die Sonne, das planetäre Prinzip nennen, weil es auf die kleine Familie von Weltkörpern hinzielt, der unsere Erde angehört. Dieses planetäre Prinzip konnte durch Kopernikus gleichsam nur skizziert werden und erhielt seine eigentliche Ausgestaltung erst durch das Lebenswerk Keplers. Wenn also von der Begründung 11*