Weltsystem (Fragment). 159 duelle Eigenrotation zuordnet. Man sieht: Kopernikus hat das neuzeitliche Prinzip der Individualität in die Sternenwelt getragen. Es konnte also nicht ausbleiben, daß Männer wie Kepler und Galilei sich das neue Weltsystem mit tiefem Entzücken an- eigneten. Kopernikus selbst hat allerdings nur der Erde eine Eigen- rotation zugesprochen und ein allgemeines, für alle Sterne gültiges Prinzip der Eigenrotation durchaus nicht aufgestellt. Aber dieses Prinzip liegt völlig im Sinne seiner Lehre. Da nämlich Kopernikus die Erde als einen Planeten zwischen den übrigen Planeten unseres Sonnensystems auffaßte, so lag nichts näher, als jedem Planeten ebenso wie der Erde eine Achsendrehung zuzuschreiben. Da ferner Kepler den großen Gedanken faßte, daß alle am Himmel funkelnden Fixsterne selbständige Sonnen seien, so mußte nur der empirische Nachweis gebracht werden, daß unsere Sonne tatsäch- lich eine Eigenrotation besitze, um eine solche auch allen Fix- sternen zusprechen zu dürfen. Nun bot sich alsbald auch die Gelegenheit dar, die Rotation der Sonne durch die Bewegung der auf ihrer Scheibe auftretenden dunklen Flecke zu demonstrieren. Schon der etwas jüngere Zeitgenosse Keplers, der Jesuitenpater Christoph Scheiner, hat die Sonnenflecke mit zäher Ausdauer beobachtet und über dieselben ein großes Werk (,,Rosa Ursina", 1630) verfaßt. Die dunklen Flecke, die häufig in großer Zahl auf der Sonnenscheibe auftreten, erscheinen zumeist an ihrem öst- lichen Rande, rücken dann nach dem westlichen Rande etwa 12-14 Tage lang fort und verschwinden dort, um etwa nach weiteren 14 Tagen am östlichen Rande wieder aufzutauchen. Schon Scheiner schloß daraus auf eine Eigenrotation der Sonne, die beiläufig 25 Tage in Anspruch nimmt. Weitere Einzelheiten interessieren uns hier nicht, denn es genügt für unsere nächsten Untersuchungen, der großen Tatsache, daß die Sonne eine Eigen- drehung hat, sicher zu sein. — Es ist eines der schönsten und lehr- reichsten Kapitel der beobachtenden Astronomie, worin sie die Eigenrotationszeit auch der Planeten bestimmt oder wenigstens zu bestimmen sucht. Man mußte zu diesem Zwecke die Topo- graphie von Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturnus, Uranus und Neptun zu erforschen suchen, um womöglich ständige oder wenig- stens einige Zeit ständige Gebilde auf ihnen zu entdecken, deren Bewegung einen Schluß auf die Rotationszeit des betreffenden Planeten gestattete. Die ungeheure Arbeit, die hierauf verwendet wurde, bildet ein Ruhmesdenkmal feinsinniger und unermüdlicher Beobachtungskraft unseres Geschlechtes, und es wäre uns ein Vergnügen, darüber ausführlich zu berichten, wenn der gedank- liche Zusammenhang unserer Ausführungen es gestatten würde. So sei denn nur in aller Dürftigkeit erwähnt, daß Mars der einzige -