158 Weltsystem (Fragment). myriaden durch einen objektiven Einzelvorgang: durch die Rotation der Erde um ihre Achse. Indem die Erde sich alltäg- lich von West nach Ost dreht, entsteht der grandiose Schein, als ob eine gemeinschaftliche Bewegung aller Sterne von Ost nach West als Grundgesetz des Kosmos bestünde. Nun zerstiebt aber dieses Gesetz in nichts. Das ist ein herber Verlust für den Den- kenden, der eben aus der gemeinschaftlic en Kreisbewegung aller Sterne den festen Glauben an eine unwandelbare Weltordnung geschöpft hatte. Freilich, der leichtsinnigen Menge, die das all- nächtlich sich wiederholende Schauspiel von der Rotation des Himmels um die Erde nicht auf ihr Gemüt einwirken läßt, fällt es auch nicht schwer, dieses ewige Schauspiel als bloßen Schein zu behandeln. Dem Fühllosen und Gedankenlosen ist es leicht, sich zu jeder neuen Theorie zu bekehren, denn welcher Mode er auch immer huldigen möge, so bleibt er doch immer fühllos und gedankenlos. Zum Glück ist es durchaus irrig, zu meinen, daß der koperni- kanische Satz von der Eigenrotation der Erde jenen fundamen- talen allnächtlichen Anblick, der die Rotation des Himmels um die Erde vorzaubert, irgendwie entwerten könnte. Der Sinn der kopernikanischen Lehre besteht nämlich darin, daß wir das Schau- spiel von der Umdrehung des Himmels um eine feste Achse nicht nur von der Erde aus, sondern von einem beliebigen Stern in ähn- licher Weise genießen könnten. Auf welchem Stern wir uns immer befänden, würden wir dem ähnlichen Schein unterliegen, daß sich der ganze Himmel um unseren jeweiligen Standort wie um ein Zentrum dreht. Ins Objektive übersetzt, heißt dies so viel, daß ein jeder Stern eine Eigenrotation besitzt, derzufolge ein mensch- licher Beobachter, der sich auf demselben befände, vermeinen müßte, den Himmel im entgegengesetzten Sinne der Eigendrehung rotieren zu sehen. Indem also Kopernikus einen sinnlichen Schein, der unsere menschliche Wahrnehmung beherrscht, gedank- lich auflöst, ersetzt er zugleich denselben durch ein allgemeines kosmisches Gesetz. Denn nicht nur die Erde allein, sondern ein jeder Stern des Himmels hat seine eigene Achsendrehung. Wenn ehedem der naive Beobachter glaubte, eine gemeinschaftliche Drehung aller Sterne um eine feste Himmelsachse objektiv konstatieren zu dürfen, so soll ihm dieser Glaube allerdings genommen werden: dafür soll aber ein jeder Stern, losgebunden von allen Mitsternen, eine Eigenrotation erhalten, die ihn gleichsam zu einer Stern- individualität stempelt. Die Himmelsfessel, die alle Sterne zu einer gemeinschaftlichen Kreisbewegung zusammenkettet, ist zwar gesprengt, aber es bleibt trotzdem ein allgemeines kos- misches Gesetz bestehen, das inem jeden Stern eine indivi-