Weltsystem (Fragment). 155 schranke nur ein äußerliches Bild für die innere Beschränktheit unserer Sinneswahrnehmung ist. Denn während unser Verstand das kategorische Postulat aufstellt, den Weltraum als unendlich zu denken, vermag unsere sinnliche Anschauung diese Anforderung nicht zu realisieren und malt uns stets eine dem Weltraume Gren- zen setzende Himmelsdecke vor. Vergebens treibt der Verstand unsere sinnliche Einbildungskraft an, den einschränkenden An- blick des Himmelsbogens durchzubrechen, unsere Phantasie ver- mag doch immer nur beschränkte Horizonte und nicht den unendlichen Raum vor uns hinzustellen. So lehrt uns denn der Anblick des Himmels, den Widerstreit zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit zu erfassen und denselben mit dem Widerstreit zwi- schen Sinnlichkeit und Verstand in engste Verbindung zu setzen. Denn nimmermehr kann der Verstand seine unerbittliche Forde- rung aufgeben, den Raum als unendlich zu denken, und niemals vermag die sinnliche Wahrnehmungs- und Einbildungskraft etwas anderes, als einen umfriedeten Raum anschaulich zu machen. Und es bedarf gar keines besonderen Tiefsinnes, um diesen in der Tiefe des menschlichen Geistes wurzelnden Widerstreit zu ent- decken, denn auch das ungelehrteste Menschenkind braucht nur den Blick zum Himmel zu erheben, um in dem es ergreifenden Gefühle der Sehnsucht den Riß zwischen Endlichkeit und Un- endlichkeit, zwischen unbedingter Verstandesforderung und be- schränkter Wahrnehmungsfähigkeit zu erleben. Darum ging von der Astronomie zu allen Zeiten ein ganz unvergleichlicher Antrieb zur philosophischen Selbstbesinnung aus. ―― -- Im innigsten Zusammenhang mit der Beschränktheit un- serer Sinneswahrnehmung steht der ausgesprochen zentrierte Charakter derselben, der uns niemals so deutlich zum Bewußt- sein kommt als bei dem Anblick des gestirnten Himmels. Diese Zentriertheit will besagen, daß wir nichts Fremdes wahrnehmen könnten, wenn wir den eigenen Leib nicht wahrnehmen würden, und daß wir alle anderen Wahrnehmungen notgedrungen auf eine zentrale Wahrnehmung: auf die des eigenen Leibes beziehen. Dies ist das Prinzip der Weltorientierung durch die zentrale Orien- tierung am eigenen Leibe. Auch gilt die Umkehrung desselben, daß wir nämlich ohne die Bemühung, uns in unserer Umgebung zu orientieren, auch die in uns liegende zentrale Orientierungsfähig- keit am eigenen Leibe nicht zur Entfaltung bringen könnten. So einleuchtend dieser Grundsatz von dem zentrierten Charakter unserer Wahrnehmungsfähigkeit ist, so überaus peinlich und schwierig ist eine detallierte Darlegung. Es wäre die Aufgabe einer wahrhaft wissenschaftlichen und philosophischen Erkennt- nistheorie, vor allem eine systematische Wahrnehmungstheorie zu liefern, und an der Spitze dieser letzteren müßte ein ausführlich