IX. Weltsystem (Fragment). 1. Weltsystem. Der Ausdruck,,Weltsystem" repräsentiert einen regierenden Begriff der Astronomie, aber er gehört gleichzeitig auch der Philo- sophie (namentlich der Naturphilosophie) an. Denn offenbar ist es die eigentliche Aufgabe der Naturphilosophie, ein,,Weltsystem" zu entwerfen, d. h. eine einheitliche Auffassung sämtlicher Natur- vorgänge soweit wie möglich auszubilden. Die Astronomie frei- lich faßt den Begriff des Weltsystems viel enger, denn sie beschränkt sich darauf, eine einheitliche Auffassung bloß der am Himmel sichtbaren Vorgänge, speziell der himmlischen Bewegungen zu entwickeln. Sie sieht nämlich von dem ungeheuren Wirrsal der mannigfaltigsten, spezifisch irdischen Erscheinungen ab und reflek- tiert auf diese letzteren nur insofern, als dieselben zur Deutung der himmlischen Vorgänge unbedingt nötig sind. Auch wir wer- den gut tun, diese weise Einschränkung der Astronomen zunächst zu adoptieren und bloß eine einheitliche Auffassung der am Himmel sichtbaren Bewegungen anzustreben. Denn es wird auch im Kopfe gleich heller, wenn man den Blick auf die Sterne lenkt und das Durcheinander der uns allzu nahe gehenden irdischen Vorgänge wenigstens zeitweilig zu vergessen sucht. Die Beobachtung der Sterne und ihrer Bewegungen hat einen eigentümlich erziehenden Einfluß auf den menschlichen Geist: nicht nur, weil das Schauspiel, das uns der Himmel darbietet, in seinen Grundzügen einen überaus systematischen Verlauf zeigt, sondern vornehmlich auch darum, weil es uns einen gewaltigen Anstoß gibt, uns auf die eigene sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit zu besinnen und ihren spezifisch menschlichen Charakter kritisch verstehen zu lernen. Ein Blick auf den Sternenhimmel genügt, uns die Beschränktheit der menschlichen Wahrnehmungskraft in höchst eindringlicher Weise zum Bewußtsein zu bringen, denn das ganze blaue Himmelsgewölbe ist ja nichts als ein monumen- tales sichtbares Symbol der Beschränktheit unseres Gesichts- vermögens. Der naive menschliche Geist wird zwar immer geneigt sein, das Himmelsgewölbe wie ein reales kristallenes Weltgehäuse aufzufassen: die Selbstbesinnung lehrt aber, daß jene blaue Himmels-