Alte und neue Atomistik. 149 zipiellen Auffassung der sogenannten Aggregatzustände getan. Die neuere Physik bezeichnet seit W. Gibbs die Aggregatzustände der Materie als ,,Phasen" und diese Ausdrucksweise enthält schon eine Vorahnung von der Stufentheorie, die wir hier anregen. Es gibt einen absteigenden und einen aufsteigenden Naturstrom: Der erstre zerlegt die komplexen molekularen Gebilde der Materie in immer einfachere und führt sie dadurch aus dem festen in den flüssigen und gasförmigen Zustand, der letztere hingegen baut aus den einfacheren molekularen Gebilden der Gase immer höhere Stufengebilde auf und schafft gleichsam höhere Verfassungs- formen der materiellen Bauteilchen, höher geartete Gemeinschaften derselben, wodurch sie aus dem gasförmigen in den flüssigen, festen und kristallisierten Zustand übergehen. Dies sind die Grundlinien einer neuen Atomistik bzw. Molekulartheorie, die die physikalische (nicht die chemische) Struktur der körperlichen Dinge und vor allem die proteusartigen Wandlungen der Aggregatzustände zu erklären sucht. Die heutige Physik liefert ihr ein immenses Be- stätigungsmaterial, in welchem die molekulare Stufentheorie latent schon enthalten, ja zuweilen fest ausgesprochen ist. Die Grundvorstellungen der physikalischen Atomistik sind der Meso- und Mikrokosmos, ferner der zwischen ihnen ab- und aufsteigende Naturstrom sowie die Gebilde verschiedener Stufenordnung. Eigentlich bedeuten der Meso- und Mikrokosmos denselben Kosmos, nur von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aufgefaßt; einmal betrachten wir die physische Welt als das sinn- lich gegebene Arbeitsfeld der menschlichen Hände, das andere Mal denken wir an den unermeßlich feinen Zwischen- und Hintergrund dieses Arbeitsfeldes. Da nämlich unsere Sinneswahrnehmung, manuelle Kunst und motorische Fertigkeit überaus beschränkt sind, so sind auch die Bilder, die uns der Mesokosmos darbietet, für das Verständnis der Welt unzureichend, so daß wir sie ahnungsvoll und dann auch methodisch durch Bilder des Mikrokosmos er- gänzen und irgendwie begreiflich machen müssen. Ohne solche ergänzende Bilder der ,,untersinnlichen" Kleinwelt sind Wissen- schaft und Philosophie nicht denkbar. Denn es ist nicht möglich, den Naturstrom dort endigend anzunehmen, wo er für unsere Wahrnehmung abreißt, und wir sind gezwungen, uns seine ab- bauende Tätigkeit in die Abgründe des Mikrokosmos versinkend vorzustellen. Mittlerweile steigt der aufbauende Strom aus den unerreichbaren Tiefen der Kleinwelt fortwährend in unser sinnlich gegebenes Arbeitsfeld,,hinauf", wobei wir uns dessen unverbrüch- lich bewußt bleiben, daß dieses ,,Hinunter" und ,,Hinauf" nur metaphorische Ausdrucksweisen sind, die dazu dienen, den Gegen- satz der beiden polaren Naturströme zu veranschaulichen. Denn sowohl der Abbau als auch der Aufbau der Weltmaterie findet ja