VIII. Alte und neue Atomistik. Der Stufenbau des Kosmos. In unseren vorausgehenden Betrachtungen haben wir aus den Entdeckungen Lenards (1894) und seiner Zeitgenossen eine neue Auffassung vom Verhältnis der beiden Elektrizitäten abgeleitet, die uns folgerichtig auch zu einer Umbildung der Atomistik hinüber- leiten wird. Zu diesem Zwecke ist es angezeigt, auf die ältere von Dalton in den Jahren 1802-1808 entworfene Atomistik zurück- zugehen und sie in ihren Grundlinien von neuem durchzudenken. Die Begriffe Daltons vom Atom und Molekül, die der ganzen neueren Chemie zugrunde liegen, sind offenbar Stufenbegriffe, denn ein Molekül geht aus der Verbindung von zwei oder mehreren Atomen hervor und repräsentiert denselben gegenüber eine höhere Gemeinschaft, ein Gebilde höherer Stufe. Die neuere Forschung drängt nun zu der Auffassung, daß, wie aus dem Atom ein Molekül, so aus diesem durch Verbindung von zwei oder mehr Einheiten ein Gebilde noch höherer Stufe mit wesentlich neuen (wenn auch nicht chemischen) Eigenschaften hervorgehen kann. Andererseits ist aber auch die Stellung des chemischen Atoms als einer untersten Seinsstufe der materiellen Welt durchaus erschüttert worden, indem die aus der Lehre von den elektrischen Strahlungen hervorgegangene radioaktive Forschung die Zerfallsfähigkeit von Atomen dargelegt, so daß schon das Atom eine Welt in sich schließt, also eine Gemeinschaft von Einheiten tieferer Seinsstufe darstellt. Wir können demgemäß das Weltbild der heutigen Naturwissen- schaft dadurch kennzeichnen, daß ihr die zwei Stufengebilde der älteren Atomistik (Atom und Molekül) nicht mehr genügen, wes- halb sie an ihre Stelle ein erweitertes und vertieftes Stufenwerk zu setzen sucht. Die Atomistik erfährt hierdurch eine bedeutsame Umwandlung in dem Sinne, daß sie sich zu einer Lehre vom Stufenbau des Kosmos gestaltet. Die Folge dieses mächtigen Aufschwunges, den wir der neuen Elektrizitätslehre verdanken, ist allerdings zunächst, daß die Begriffe von Atom und Molekül ins Schwanken gerieten und das Gebäude der Naturwissenschaft be- denklich erschüttert erscheint. Um diesen krisenhaften Zustand zu überwinden, dürfte es zweckmäßig sein, vor allem einige Grund- 10*