Das Weltbild der neuen Physik. 139 in den übrigen Arbeiten trefflicher Zeitgenossen gleichsam einge- schachtelt blieb. Denn dieser wunderbare Unterschied liefert zu- gleich ein unterscheidendes Kriterium für den Äther und die Ma- terie, für die beiden Substrate unserer physikalischen Natur- betrachtung. Merkmal der Materie ist, daß sie nur die positive Elektrizität unbedingt und unter allen Um- ständen festhält; Merkmal des Weltäthers hingegen ist, daß er nur der negativen Elektrizität freie Fortpflan- zung in seinem kosmischen Schoße gestattet. Kann dieser Satz nicht zum Ausgangspunkt einer reellen Theorie der beiden physischen Substrate gemacht werden? Die deutsche Wissenschaft hat durch die Entdeckung der Kathoden- und Kanal- strahlen und durch die Darlegung ihrer Grundeigenschaften neue empirische und theoretische Grundlagen für den Aufbau der Physik geschaffen. Es wurde experimentell gezeigt, aber freilich nicht auch ausgesprochen, daß so gewiß es eine positive und eine negative Elektrizität gibt, so gewiß auch der Äther und die Materie voneinander unterschieden werden müssen. Zwischen den Zeilen verborgen, war die notwendige Annahme zweier Sub- strate dargetan und insbesondere ein elektrischer Existenzbeweis des Äthers erbracht. Ja, es zeigte sich, daß Äther und Materie entgegengesetzter Natur sein müssen, weil ja das konträre Verhalten der beiden Elektrizitäten in der Kontra- rietät der beiden Substrate begründet lag. Während der „,Licht- äther" seit Huygens zu der Auffassung führte, den Äther als eine zweite und feinere Ausgabe der Materie zu betrachten, lehrte das Lenardsche elektrische Vakuum, daß der Äther durchaus nicht materieartig, sondern direkt gegensätzlich geartet sei. Dadurch waren die Grundlagen eines neuen physikalischen Welt- bildes gegeben. Allerdings hätte man gleich auch die folgenden zwei schwierigen Fundamentalfragen aufwerfen sollen: 1. Was hat es (für die Wechselbeziehungen von Äther und Materie) zu bedeuten, daß die positive Elektrizität untrennbar an den materiellen Atomen haftet, während die negative Elektrizität von ihnen abtrennbar ist? 2. Welches sind die konträren Grundeigenschaften vom Äther und der Materie? Das Weltbild der neuen Physik läßt sich nur in dem Maße ausarbeiten, als wir diese zwei Fragen zu beantworten vermögen. Leider lag aber an der Neige des vorigen Jahrhunderts ein so schwerer und dichter Nebel auf dem Reiche des elektrischen Hochvakuums, daß eine bestimmte Orientierung in demselben unmöglich zu sein schien. Seit Crookes hatten die Engländer die Führerschaft in diesem geheimnisvollen Reiche angetreten und einen Begriff des Elektrons geschaffen, mit welchem Namen sie die Elementarteilchen der Kathodenstrahlung bezeichneten. Durch