Das Weltbild der neuen Physik. 131 weiter ausgepumpt, so zeigt sich der Dunkelraum zwischen den zwei Lichtvorhängen im Wachsen begriffen, zugleich macht sich eine von der Mitte der Kathode ausgehende gradlinige Strahlung immer mehr geltend, die das negative Licht und den Dunkelraum durchdringt und in das zusammenschrumpfende positive Licht hineinreicht. Das ist die Kathodenstrahlung. Sie ist kein Licht, sondern eine elektrische Strahlung! Evakuiert man die Röhre in einem hochgesteigerten Maße bis zu einem Tausendstel Millimeter Atmosphärendruck, so kommt die Kathode und die von ihr ausgehende elektrische Strahlung zur völligen Herrschaft in der Röhre. Das positive Licht verschwindet fast ganz, es wird durch den Dunkelraum ausgelöscht, der die Röhre erfüllt und von der geradlinigen Kathodenstrahlung durch- setzt wird. Die Kathodenstrahlung macht sich nunmehr dadurch bemerkbar, daß sie die Glaswand der Röhre überall, wo sie auf dieselbe trifft, zum Selbstleuchten, zum Phosphoreszieren bringt, so wie sie früher die Luft in der Röhre zum Leuchten und Glimmen brachte. Wir stehen der seltsamen Tatsache gegenüber, daß eine an sich unsichtbare Strahlung die Glaswand grünlich phosphores- zieren macht und ebenhierdurch ihre Existenz verrät. Bringt man der Kathodenstrahlung einen für sie undurchlässigen festen Körper, der z. B. Kreuzform hat, in den Weg, so erhält man auf dem grünleuchtenden Glashintergrund ein Schattenkreuz, als Beweis dafür, daß die Kathodenstrahlung sich geradlinig in der Röhre fortpflanzt, aber die Glaswand nur dort nicht zum Leuchten bringt, wohin sie wegen eines dazwischen liegenden Körpers nicht dringen kann. Das ist gewiß einer der geistreichsten Versuche der ganzen Physik. Ihm ist es zu verdanken, daß die Elektrizität einen Schatten gewann, als ob sie eine Lichtstrahlung wäre. Einige andere Experimente, die die elektrische Natur der Katho- denstrahlung darlegen, seien zunächst nur flüchtig angedeutet. Bringt man einen Magnet in die Nähe der Röhre und läßt ihn auf ein Bündel Kathodenstrahlen einwirken, so werden sie, wie dies schon Hittorf feststellte, abgelenkt, und man sieht den durch das Bündel erzeugten Phosphoreszenzfleck, der Bewegung des Magnets entsprechend, hin und her wandern. Läßt man ferner statische Elektrizität auf die Kathodenstrahlung einwirken, so zeigt sich, daß diese letztere durch negative Elektrizität abgestoßen, durch positive hingegen angezogen wird. Sorgfältige Untersuchungen haben es unzweifelhaft gemacht, daß die Kathodenstrahlung negativ elektrischen Charakter hat. Um tiefer in das Wesen der elektrischen Strahlung einzu- dringen, müssen wir einen Blick auf die Geschichte ihrer Entdeckung werfen. Schon in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat der erfinderische Geometer und treffliche Physiker Julius 9*