Galilei und das Übertragungsprinzip. 123 mit einer derartig überlegenen mathematischen Kunst und in einer so imposanten Weise durchgeführt, daß die einpolige (homo- polare) Naturauffassung die nur ein materielles Substrat anerkennt und mit dem grenzenlosen leeren Raume, d. i. mit einem als ausgedehnt gedachten Nichts arbeitet - jahrhunderte- lang die Geister beherrschte, während die zweipolige Naturauffas- sung trotz ihrer glänzenden Erfolge und trotz ihres verstandes- notwendigen Charakters - oder vielleicht ebendeshalb - nur als mehr oder minder glückliche Hypothese geduldet wurde. Zu- gleich hatte die Gewöhnung an das einpolige, unphysikalische Naturdenken die notwendige Folge, daß die einseitig mathemati- sierende, formalistische Naturbetrachtung die unbedingte Oberherrschaft erlangen mußte. Nun gilt es aber mit der ein- poligen Naturauffassung endgültig abzurechnen, und das heißt zunächst so viel, als die Newtonsche mathematische Physik von neuem durchzudenken. Also zurück zu Newton! III. - Newton faßte den kühnen Grundgedanken, den ganzen zwang- läufigen Naturprozeß aus der Wechselwirkung der Materie mit der Materie zu erklären. Sein Kausalitätsprinzip, das er in den berühmten drei Bewegungsgesetzen zum Ausdruck brachte, setzt nämlich nur ein Natursubstrat, die im leeren Raume schwebende Materie, voraus. Er schien es zu verschweigen, daß die auf sich selbst einwirkende, gegen sich selbst gravitierende Materie, an die er in seinem dritten Bewegungsgesetz (von der Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung) denkt, eigentlich in vollem Wider- spruch mit dem ersten Bewegungsgesetz steht, das die galileische Trägheit der Materie zum Ausdruck bringt. Eine träge Materie kann nicht zugleich eine in allen ihren Teilen zueinander hin- drängende Materie sein. Aber dieser logische Widerspruch war durch zwei Umstände verdeckt und scheinbar aufgehoben. Erstens war der Trägheitsgedanke wie wir dies schon bisher zeigten nicht genügend geklärt; zweitens war der Gravitationsgedanke gar nicht ernst als Wirkung der Materie auf die Materie, sondern bloß als Fernwirkung gedacht, die, bei rechtem Lichte betrach- tet, bloß eine formal mathematische Beziehung darstellt und physikalisch überhaupt nicht gedeutet werden kann. Denn wenn eine Masse m₁ auf eine andere Masse m₂ eine so- genannte,,Fernwirkung" übt, so geht ihr beständiger Impuls gar nicht von m₁ aus, sondern er sitzt schon von vornherein in m2, so daß es nur eine Fiktion ist, daß er von m, ausgegangen und erst von da auf die andere Masse übergegangen sei. Ebenso sitzt der ständige Impuls von m, auf jede irgendwo im Raume befindliche andere Masse niemals auch nur einen Augenblick lang in m₁, son- ―