122 Galilei und das Übertragungsprinzip. nisiert gedacht werden kann, als wenn man das zugrunde gelegte Substrat als zwiespältig auffaßt. Ein Äther, der als unbegrenzter Ozean unbeweglichen Dranges gedacht wird, ist ein statisches Substrat und ebendarum für sich allein betrachtet so gut wie tot; ebenso ist die als völlig dranglos gedachte Materie, die nur geborgte Impulse als Bewegung zum Vorschein kommen läßt, bloß ein Spielball der ätherischen Impulse, und für sich allein betrachtet etwas Totes. Erst aus der Wechselwirkung dieser polar zusammengehörigen Substrate kann ein zwangläufiger Natur- prozeß hervorgehen. Das war ja die Großtat Galileis, daß er den Naturlauf wirklich zu mechanisieren begann; wenigstens seine Grundgedanken über die Trägheit und die Impulsempfänglichkeit der Materie waren auf Erfahrungsgrundlage so ausgestaltet, daß sie eine exakte Naturauffassung erst möglich machten. Hätte die Physik sich gleichsam geradlinig entwickeln können, so wäre der erste Schritt über Galilei hinaus die Begründung einer ergänzen- den Ätherlehre gewesen. Tatsächlich kommt ja auch in der Wirbel- lehre des Descartes eine Art von Weltäther zum Vorschein, und wenn diese unmathematische Theorie eines großen Mathematikers und Philosophen auch unfruchtbar zu sein scheint, so hat sie doch sicherlich anregend auf Huygens gewirkt, der in seiner wunder- baren Abhandlung über das Licht schon einen Tiefblick in die der Materie polare Natur des Weltäthers warf (Huygens sches Prinzip!), aber das neue Substrat doch noch halb und halb als eine Art von feinerer Materie faßte, wie dies bei dem Stande der damaligen Er- fahrung und mathematischen Kunst auch gar nicht anders mög- lich war. Ist es doch bis auf den heutigen Tag nicht gelungen, das Verhältnis von Äther und Materie auf prinzipieller Grund- lage aufzubauen, so daß die Ätherlehre trotz der außergewöhn- lichen Erfolge von Faraday, Maxwell, Hertz, Lenard usw. doch wieder in ihren Grundfesten erschüttert erscheint und der Rela- tivismus den Versuch wagen durfte, den Äther einfach abzuschaffen. An dieser kritischen Lage der heutigen Physik wird denn auch nichts geändert werden können, bis man einsehen lernt, daß die Annahme eines zwiespältigen, korrelativen und polaren Natur- substrats (Äther und Materie) die grundsätzliche und unerläßlich erkenntnistheoretische Vorbedingung einer jeden exakten Natur- forschung ist. Diese sach- und denknotwendige Auffassung lag zwar schon in der galileischen Physik vorbereitet, sie bot jedoch der exakten Durchführung so außergewöhnliche Schwierigkeiten dar, daß im Verlaufe des 17. und 18. Jahrhunderts der Versuch gemacht wer- den mußte, bloß mit einem Substrat, der Materie, auszukommen, und das andere, den Weltäther, gleichsam gewalttätig, imperia- listisch zu unterdrücken. Diesen Versuch hat denn auch Newton