110 Kopernikus und die Relativitätstheorie. auch subjektiver Gewalt auf die Erforschung der mit jeder Be- wegung notwendig verbundenen, unwahrnehmbaren, geheimen Bewegungsübertragung hin, die die Mutter unserer Bewegungsillusionen ist. Und diesem doppelten urmäch- tigen Anstoß folgt denn auch die Physik schon seit fünfhundert Jahren. Sie verwechselt jedoch die objektive Komponente des kopernikanischen Gedankens mit deren subjektiver Komponente, d. i. die Bewegung mit der Bewegungswahrnehmung, und was vielleicht ebenso verhängnisvoll nachwirkt: sie verwechselt innerhalb der objektiven Komponente den Bewegungsvorgang mit dem Übertragungsvorgang. Aus dieser doppelten Verwechslung entspringen die Zerfahrenheiten und Widersprüche der modernen Relativitätsphysik. Es ist deshalb von größter Wichtigkeit, sich vor allem klar- zumachen, daß das Mitgenommen werden durch ein Fahrzeug ein unbeachtetes Geheimnis in sich schließt und für den menschlichen Geist die kategorische Aufforderung enthält, die Bewegung des Fahrzeuges von der Übertragung auf die Dinge und Personen, die sich darin befinden, um so schärfer zu unterscheiden, weil Be- wegung und Übertragung grundverschiedene Vorgänge sind, ob sie gleich ohne einander nicht bestehen kön- nen. Es sei auch gleich bemerkt, daß wir für Übertragung eine ganze Reihe von gleichwertigen Ausdrücken haben, wie Bewegungs- mitteilung, Bewegungsfortpflanzung, Bewegungsausbreitung, ja auch Bewegungsausstrahlung. Schon diese Wortmenge macht darauf aufmerksam, daß es sich hier um etwas handelt, was noch tief im Dunklen liegt. Die Physiker bedienen sich der Ausdrücke ,,Translation" oder auch ,,Verschiebung", um zuweilen etwas Ähnliches zu sagen, was wir hier im Sinne haben. Offenbar möchten sie mit diesen übrigens sehr freien Terminis etwas andeuten, was vielleicht mit dem Worte Bewegung nicht ganz zutreffend aus- gedrückt werden kann, aber sie kommen doch immer wieder auf ihre mechanistische Denkgewohnheit zurück, alles Naturgeschehen schlechterdings als Bewegung aufzufassen, und geraten eben hier- durch in jene fundamentale Begriffsverwechslung, von der hier die Rede ist. Es sei uns gestattet, unter den vielen Ausdrücken, die uns für den Begriff der Übertragung zur Verfügung stehen, den der Ausbreitung zu bevorzugen, denn es hat etwas Einleuchten- des, daß man von ganz anderen Dingen spricht, wenn man sagt, ein Körper bewege sich, oder wenn man sagt, eine Bewegung breite sich aus. Ja, wir glauben, daß Bewegungen und Ausbreitungen in einem noch sehr genau zu bestimmenden Sinne — auf einander nicht zurückführbare Klassen des Naturgeschehens sind, was schon darin zum Vorschein kommt, daß Bewegungen einen un- mittelbar anschaulichen Charakter haben, wohingegen Ausbrei- -