Kopernikus und die Relativitätstheorie. 109 eines physikalischen Scheinprinzips der Relativität aus geschicht- lichen Tiefen hervorbrechen und den ganzen geistigen Horizont der Naturwissenschaften zu verdunkeln drohen. Um dieser Ver- dunklung des menschlichen Geistes entgegenzutreten, bleibt nichts übrig, als bis auf ihre letzte geschichtliche Wurzel zurückzugehen und zu zeigen, wie der im kopernikanischen System schlummernde Keimgedanke der neuen Physik (Mechanik) gleich im Beginn mancherlei Mißdeutungen erfuhr, die sich zu gefährlichen Para- doxien und Widersprüchen verdichtet haben. Die Schwierigkeit eines solchen Unterfangens beruht hauptsächlich darauf, daß man auf die bekanntesten alltäglichen Erfahrungen zu sprechen kommen muß, die das Gepräge einer überschwenglichen Einfachheit tragen, so daß sie jedermann zu verstehen glaubt, während sie doch die heikelsten Grundprobleme der Physik in sich schließen. Als Kopernikus den ptolemäischen Schein der Drehung des Fixsternhimmels um die Erde in die Sprache der Wirklichkeit übersetzte und auf die Drehung der Erde um die eigene Achse zurückführte, da machte er diese Umdeutung durch sein bekanntes Schiffsgleichnis verständlich. Der Insasse des fortsegelnden Schiffes unterliegt dem Scheine, daß das Gestade, welches er verläßt, sich von ihm fortbewegt, und dieser Schein ist demjenigen verwandt, der uns den Fixsternhimmel als um die Erde rotierend vorspiegelt. Da dies nun jedermann weiß, so glaubt man, es zieme sich darüber kein Wort mehr zu verlieren. Und doch stecken im Schiffsgleichnis des Kopernikus sämtliche Grundprobleme des neuzeitlichen Systems der Physik! Ja nicht nur diese, sondern auch ein Grundproblem der Erkenntnislehre: das Prinzip der Beschränktheit der mensch- lichen Wahrnehmungsfähigkeit. Indem Kopernikus die Erde mit einem irdischen Fahrzeuge und den durch die Erdbewegung er- zeugten Schein der Rotation des Fixsternhimmels mit dem mannig- fachen Schein, dem auch der Insasse irgendeines irdischen Fahr- zeuges unterliegt, in die wundervolle Parallele zu setzen sich er- kühnte, schuf er ein Band zwischen Himmel und Erde, zwischen Astronomie und Physik, das zur Grundlage der ganzen modernen Naturbetrachtung wurde. Die Herzmitte des kopernikanischen Gedankens ist das Fahrzeug, das uns mitnimmt, und die „Illu- sion", die aus dem Mitgenommensein entspringt. Er besteht daher aus einem objektiven (physikalisch-astronomischen) und aus einem subjektiven (physiologisch-erkenntnistheoretischen) Teil. Der ob- jektive Teil enthält die beiden Grundprobleme der Physik: die Be- wegung und die Bewegungsübertragung durch das Mitgenommen- sein; der subjektive Teil hingegen jenes eigentliche Relativi- tätsprinzip, das der Physik fremd ist, und das wir im voraus- gehenden Aufsatz darzustellen versuchten. So drängt uns der kopernikanische Gedanke mit doppelter, sowohl objektiver als