108 Kopernikus und die Relativitätstheorie. Körper jede Bewegung sich vollständig so auswirkt, als ob die andere nicht vorhanden wäre. Was ist also durch das Fallexperi- ment im fahrenden Schiffe bewiesen worden? Der eine wird sagen: selbstverständlich das Subtraktions- oder auch Additionsprinzip der Mechanik. Nein, ruft der andere: Bestätigung fand hier das Relativitätsprinzip, denn die Fallbewegung wird,,relativ“ zu den Schiffswänden wahrgenommen. Beide Auffassungen sind deshalb richtig, weil das Relativitätsprinzip keinen objektiven Eigeninhalt besitzt, sondern im vorliegenden Falle den Inhalt des Subtraktions- prinzips verschluckt hat. Der eigentliche Inhalt des Relativitätsprinzips ist wie gesagt die erkenntnistheoretische und physiologische Reflexion, daß wir kein Sinnesorgan für Bewegungsübertragung haben und demzu- folge in allen unseren unmittelbaren Bewegungsurteilen beein- trächtigt sind, also dem mannigfaltigsten optischen ,,Schein" unterliegen. Dieser Satz ist gleichsam die Seele der kopernika- nischen Naturbetrachtung, und wir sollten ihn nicht,,Relativitäts- prinzip“, sondern ,,kopernikanisches Prinzip“ benennen. Seine Tragweite für den Aufbau der Physik ist geradezu unermeßlich, denn er macht uns auf das Grundübel aller menschlichen Wahr- nehmungsfähigkeit aufmerksam. Die Folge dieses Grundübels ist, daß die Physik bislang keinen klaren Begriff von der Bewegungs- übertragung (Bewegungsfortpflanzung, Ausbreitung) auszubilden vermochte. Wie überträgt sich die Erdbewegung auf unseren Leib, ohne daß wir es fühlen? Wie überträgt sich die Bewegung eines Fahrzeuges auf die mitgenommenen Dinge, ohne daß es diesen Dingen anzumerken ist: wenigstens nicht für den Insassen des Fahrzeuges? Überhaupt, wie teilt sich Bewegung mit? Wie über- trägt sie sich von einem Körper auf den anderen, von einem Atom auf das andere? Solange wir auf diese fundamentale Frage, die schon gleichsam auf den Lippen des Begründers der neuzeitlichen Naturphilosophie schwebte, keine klare Antwort erhalten, werden wir von den Zweideutigkeiten des Relativitätsprinzips zu leiden haben. Also zurück zu Kopernikus! Denken wir sein ganzes System von neuem durch. II. Das System des Kopernikus enthält als verborgene Keim- anlage gleich auch ein ganzes System der Physik in sich. Im Ver- laufe der Jahrhunderte hat sich in der Tat dieser Keimgedanke an der Hand der Erfahrung zu einem gewaltigen Lehrgebäude der Physik (Mechanik) entwickelt, der kaum noch durch ein mensch- liches Gehirn in allen seinen Einzelheiten überblickt werden kann. Es konnte jedoch nicht vermieden werden, daß sich von Anfang an in dies erhabene Werk der neuen Zeit Unstimmigkeiten und Widersprüche einschlichen, die heute unter dem Sammelnamen