106 Kopernikus und die Relativitätstheorie. so überträgt sich seine Bewegung, bzw. seine Geschwindigkeit in einer solch geheimnisvoll unvermerkten Weise auf unseren Leib, daß wir kein Bewußtsein dieser Übertragung haben, d. h. nicht fühlen, daß unser Leib gleichsam mit Geschwindigkeit bzw. mit Bewegungs- menge (m. v) geladen ist, und er demzufolge in Ruhe zu beharren scheint. Besäßen wir ein besonderes Organ für ,,Bewegungsüber- tragung“ in unserer leiblichen Organisation, so könnte uns dieses Sinnesorgan eventuell kundtun, in welcher Richtung wir fahren und welchen Grad von Geschwindigkeit die Fahrt einhält: da uns aber ein solches Organ abgeht, sind wir über Richtung und Größe der Schiffsgeschwindigkeit unmittelbar nicht orientiert und haben darüber kein unmittelbares Urteil. Da wir ferner alle Bewegungs- zustände anderer Dinge nach Maßgabe der Beurteilung unseres eigenen Bewegungszustandes auffassen, so trübt sich unser Urteil über die Bewegung anderer Dinge nach Maßgabe der Trübung über den eigenen Bewegungszustand. Das ist der eigentliche In- halt des Relativitätsprinzips. Wir relativieren unser unmittelbares Urteil über die Fremd bewegungen, d. h. wir machen es von einem Urteil über die Eigenbewegtheit abhängig. Da wir nun kein Sinnesorgan für Bewegungsübertragung auf den eigenen Leib haben und uns demnach für ruhend erachten können, während wir von einem bewegten System mitgenommen werden, so er- fahren hierdurch alle unsere unmittelbaren Urteile über Fremd- bewegung eine charakteristische Beeinträchtigung, d. h. wir unter- liegen einer mechanischen Perspektivik, welche von der geometrischen Perspektivität wohl zu unterscheiden wäre. Das Prinzip der relativen Beurteilung von Fremdbewegungen durch unwillkürlici e Beziehung auf die Eigenbewegtheit ist also, wie man sieht, ein physiologisches und erkenntnistheoreti- tisches, aber keineswegs ein physikalisches (mechanisches) Prin- zip, womit wir übrigens durchaus nicht sagen wollen, daß es keine fundamentale Bedeutung für den ganzen Aufbau der Physik ge- winnen kann. Wir meinen nur, daß, wenn wir die Bewegungs- vorgänge selbst und nicht bloß unser subjektives Urteil über die- selben für ,,relativ“ halten, wir notwendig in eine Fälschung un- seres ganzen Weltbildes geraten, wohingegen wir zu einer tieferen Erkenntnis aller Bewegungsvorgänge und des ganzen Naturlaufes vordringen können, wenn wir eingedenk dessen, daß wir kein Sinnes- organ für Bewegungsübertragung haben, eine Wissenschaft der mechanischen Perspektivik im Sinne des Kopernikus auszubilden versuchen. Wenn aber das,,Relativitätsprinzip" nur einen subjektiven Charakter hat, d. h. zunächst nur auf erkenntnistheoretische und physiologische Bedeutung Anspruch erhebt, wie kommt es doch, daß es auch mit einem objektiven physikalischen Inhalt ausge-