Kopernikus und die Relativitätstheorie. 105 physikalischen (mechanischen) Prinzip umstempelte. Man sagte nicht, daß unsere Wahrnehmung der Bewegungsvorgänge,,relativ" sei, sondern man relativierte die Bewegung selbst. Man sprach nicht mehr von der Mangelhaftigkeit der Bewegungswahrnehmung, sondern von der Zweideutigkeit (oder Vieldeutigkeit) der Bewe- gung selbst. Nicht unser menschliches Urteil über Bewegungs- zustände war mit einer Unsicherheit behaftet, sondern die Bewe- gungsvorgänge und der Naturlauf selbst litten an einer inneren. (objektiven) Unsicherheit. Kurz, man machte aus dem subjek- tiven einen objektiven Tatbestand, was natürlich einen fundamentalen Irrtum und die Fälschung unseres ganzen Welt- bildes in sich schließt. Zu solcher Fälschung hatte aber das Wort „relativ“ eine ganz ausgezeichnete Eignung. Man sagte, die Be- wegung wäre etwas ,,Relatives" und hatte dadurch die Handhabe. gewonnen, alle Schwäche, Zweideutigkeit und Irrtümlichkeit un- serer subjektiven Wahrnehmungsurteile über Bewegungszustände diesen selbst, d. h. dem Naturlauf selbst anzudichten. Dabei den- ken wir zunächst noch gar nicht an die Einsteinsche Relativierung der Bewegung, sondern an die ältere Relativierung durch Descartes und Newton, deren Relativitätsprinzip als das ,,klassische" be- zeichnet wurde, ohne daß man damit ein Welturteil fällen wollte. Tatsächlich spielt die Relativität der Bewegung schon bei Des- cartes und Newton ins Objektive hinüber, es ist jedoch zu beachten, daß Newton das Relativitätsprinzip nicht etwa zu einem vierten Bewegungsgesetz erhob, das den übrigen drei Gesetzen gleich- wertig sein soll, sondern er weist ihm, seinem erkenntnistheore- tischen Charakter entsprechend, nur in dem fünften Zusatz zu seinen drei Grundgesetzen der Bewegung eine Stelle an. Aller- dings scheint schon bei Descartes und Newton eine leise Neigung zu bestehen, den subjektiven Relativitätsgedanken in einen ob- jektiven umzubiegen, aber die direkte Verwechlsung von sub- jektiven und objektiven Tatbeständen tritt in ihrer ganzen Härte erst im modernistisch Einsteinschen Relativitätsprinzip hervor. Immerhin müssen wir aber bestrebt sein, auch den Descartes- Newtonschen Relativitätsgedanken von seinem Hinüberspielen ins Objektive zu läutern, weil wir erst dadurch eine feste Grundlage zur Kritik der Einsteinschen Relativitätstheorie gewinnen. Als Kopernikus glaubhaft machen wollte, daß die Erde sich bewegt und nur wir Menschenkinder die Bewegung nicht unmittel- bar wahrnehmen können, wies er auf die bekannten Erfahrungen hin, die wir alle im geschlossenen Raume eines glattlaufenden Fahrzeuges, z. B. in Schiffsräumlichkeiten, machen können. Er benützte das Schiffsgleichnis, um begreiflich zu machen, daß eine Bewegung unserer Wahrnehmung entgehen kann, wenn wir an ihr als Mitgenommene teilhaben. Wenn das Schiff glatt läuft,