102 Lenard und Einstein. und Uräther" (Verlag von S. Hirzel in Leipzig 1921) mit einer verbesserten und neugestalteten Ätherlehre hervor, in der es ihm gelingt, durch eine originelle Zweiteilung der Äthervorstellung sie ..von den ihr. anhaftenden Widersprüchen zu reinigen. Das war sicherlich keine leichte Arbeit und darf als eine gewichtige Tat aufgefaßt werden, die im Streite gegen den Relativismus eine ganz neue Lage schafft, denn nun stehen sich die Relativitäts- theorie und die neue Ätherauffassung als gleichberechtigte Kon- kurrenten gegenüber. Sie verhalten sich zueinander wie Revo- lution und Evolution, denn Einstein befreit uns von den Wider- sprüchen der Äthervorstellung, indem er sie verwirft, Lenard hin- gegen, indem er sie reformiert. Allerdings muß uns nunmehr Lenard noch beweisen, daß er seiner verjüngten Äthertheorie auch neue Lebenskraft eingehaucht hat, indem sie eine neue Ära der Entdeckungen eröffnet, was nur möglich sein wird, wenn die Zwei- teilung des Äthers nicht wieder zu neuartigen und unüberwind- lichen Schwierigkeiten führt. Das muß nun freilich erst einer eindringlichen Prüfung unterworfen werden. Immerhin steht schon jetzt fest, daß jene Widersprüche, die zur „,Abschaffung“ des Äthers durch Einstein führten, nunmehr völlig beseitigt sind, und daß alle Gegner der Relativitätstheorie in der neuen Lehre Lenards eine feste Verankerung finden können. Da die Lenardsche Reform noch viel von sich sprechen machen wird, so wird sich uns reichlich Gelegenheit darbieten, auf sie näher einzugehen. Diesmal sei nur noch auf eine zweite soeben er- schienene,,Mitteilung" Lenards (,,Annalen der Physik" Heft 15) hin- gewiesen, weil sie in allen Physikerkreisen lebhafte Erregung wachruft und auch die Beachtung der Laienwelt sehr wohl verdient. Die überraschende,,Mitteilung" besteht darin, daß die Vorhersage Einsteins über die Ablenkung von Lichtstrahlen durch die Gravi- tation schon vor 120 Jahren durch den trefflichen deutschen Mathematiker Soldner vorweggenommen wurde! Das ist ein ganz merkwürdiger Fall. · Man erinnert sich wohl noch, daß vor etwa zwei Jahren die gelegentlich einer lokalen Sonnenfinsternis gemachten Beobach- tungen englischer Astronomen eine großartige Bestätigung der Ein- steinschen Vorhersage enthielten, daß die Sonne vermöge ihrer Schwerkraft das Licht der ihrem Rande nahen Fixsterne von seiner geradlinigen Bahn ablenke. Nun veröffentlicht Lenard einen kurzen Auszug aus der Abhandlung Soldners aus dem Jahre 1801 mit dem vielversprechenden Titel:,,Über die Ablenkung eines Licht- strahls aus seiner geradlinigen Bewegung durch die Attraktion eines Weltkörpers, an welchem er nahe vorbeigeht." Die Ab- lenkungsformel, zu der Soldner, von sehr einfachen physikalischen Voraussetzungen ausgehend, mit leicht übersichtlichen mathe- " "