Lenard und Einstein. 101 Huygens, Fresnel, Faraday, Maxwell, Hertz sind untrennbar mit der Ätherlehre verbunden, und man kann ohne Übertreibung sagen, daß ihr die tiefsten und feinsten Einblicke, die die Mensch- heit bisher in die Geheimnisse des Naturlaufs getan hat, zu ver- danken sind. Namentlich hätte das ganze elektrische Zeitalter von Faraday, Maxwell und Hertz ohne die leitende Äthervor stellung gar nicht zustande kommen können. Man könnte das ganze 19. Jahrhundert als das ätherische oder elektrische Jahr- hundert bezeichnen - abgesehen von einigen rein materialistischen Anwandlungen, und es ist nicht ausgeschlossen, daß es unter diesem Namen im Andenken aller zukünftigen Geschlechter fort- leben wird. Gerade weil die Äthervorstellung von Anfang an so große Schwierigkeiten verursachte, hat sie auch zu unvergleichlich schönen Entdeckungen geführt. Und wer von dieser Überzeugung so durchdrungen ist wie Lenard, dem bleibt eben nichts übrig, als sich mit der Ätherlehre zu identifizieren und dem Einstein- schen Relativismus mit allen sachlichen Gründen der exakten Erfahrung entgegenzutreten. Lenard ist ein würdiger Nachfahr der obengenannten großen Ätherforscher und hat, durch geniale Intuition geleitet, und mit Hilfe klassisch strenger Methodik der Kathodenstrahlenforschung neue Bahnen gewiesen. Dadurch verdankt ihm nicht nur die Äther- physik wesentliche Bereicherung, sondern er hat mit Hilfe der Kathodenstrahlen neue Einblicke in die Wunder des materiellen Atombaus eröffnet. Nimmt man hinzu, daß er die gewaltige Summe der Tatsachen der Ätherphysik in nicht gewöhnlichem Maße beherrscht, und was nicht minder wichtig ist, daß er es stets als seine eigentliche Lebensaufgabe betrachtete, sich ein einheitliches physikalisches Weltbild zu schaffen, so scheint er geradezu berufen zu sein, die Führerrolle im Kampf gegen den Relativismus zu spielen, die ihm übrigens schon im denkwürdigen Physikertag zu Nauheim von selbst zufiel. Wie unvoreingenommen er der Ein- steinschen Lehre gegenübersteht, läßt sich daraus erkennen, daß er ihr anfangs zuneigte, weil sie ihm in der Erfahrung zu wurzeln schien, aber in dem Maße stutzig wurde, als er ihren radikalen Entwicklungsgang vom ,,speziellen" zum „,allgemeinen" Relativi- tätsprinzip wahrnahm. Dementsprechend forderte er zunächst eine Einschränkung des Prinzips auf die sichere Erfahrung und nahm scharfe Stellung gegen die verallgemeinerte Relativitätslehre, bis er nun schließlich dahin gelangt, sie von Grund aus abzulehnen. Schon in diesem langsamen, schrittweisen Vorrücken bekundet sich die peinlich strenge Sinnesart des exakten Physikers. Von Anfang an erkannte er aber auch die ihm zufallende schwierige Aufgabe, die krank gewordene Äthertheorie ernstlich zu heilen, und er tritt auch wirklich in seiner neuesten Schrift:,,Über Äther